Der Trend zur Digitalisierung macht auch vor einem der ältesten Kommunikationsmittel nicht Halt. Mit dem rechtlich verbindlichen Online-Brief E-Postbrief will die Deutsche Post ab Juli dieses Jahres neue Zielgruppen erschließen und ihren Umsatz deutlich steigern. Ob das Vorhaben wie geplant gelingt, ist zumindest aus Sicht der privaten Konkurrenz mehr als zweifelhaft. Auch fürchten die unabhängigen Briefdienstleister, bei der Preisgestaltung benachteiligt zu werden und fordern eine Gleichbehandlung mit den Postkunden, berichtet "Welt Online".
Online-Porto ab 39 Cent netto
Nach den jüngsten Plänen der Post soll das Porto pro elektronisch-zugestelltem Online-Standardbrief 39 Cent plus Mehrwertsteuer betragen. Für Druck, Kuvertierung sowie physische Zustellung fallen gegebenenfalls weitere Kosten an. Ein entsprechendes Genehmigungsverfahren bei der Bundesnetzagentur ist seit geraumer Zeit im Gange und wird voraussichtlich in Kürze abgeschlossen sein. Bereits seit längerem bieten verschiedene Konkurrenten der Post ähnliche Brief-Produkte an, zahlen allerdings pro versendetem Einzeldokument den bisherigen Normalpreis von 55 Cent. Da sich die Deutsche Post mit ihrem Online-Brief als direkter Konkurrent positioniert, pochen die privaten Zusteller mit dem Start des neuen Angebotes künftig aber auf gleiche Konditionen.
Namen fallen hingegen nicht. Die Branche wage sich vorerst nicht aus der Deckung, so "Welt Online". Lediglich Andreas Drechsler, Vorstandschef des Frankier- und Postdienstleisters Francotyp Postalia, äußert sich öffentlich und fordert das regulierende Eingreifen der zuständigen Behörde. "Die Bundesnetzagentur muss darauf achten, dass die Post für derartige Briefe den gleichen Preis verlangt. Er muss für die eigenen Kunden ebenso gelten wie für uns", betont der Post-Konkurrent. Die Deutsche Post hofft derweil auf deutlich Umsatzsteigerungen in der seit längerem schrumpfenden Briefsparte und konnte bereits im Vorfeld einige Großkunden – etwa den ADAC, die Versicherung Zurich oder die DekaBank - für ihr Projekt gewinnen. Zudem sollen diverse Mehrwertleistungen wie Bezahlen per Mausklick (One-Click-Payment), Online-Quittung, Lotto oder Behördendienste (eGovernment) die Attraktivität und Reichweite des Angebots nach und nach weiter erhöhen.
Erfolg des E-Postbrief ungewiss
Ob der Konzern seine Vorstellungen in dieser Form wirklich umsetzen kann, bleibt allerdings fraglich. Ein weiteres mächtiges Konsortium um Deutsche Telekom, 1&1-Mutterhaus United Internet sowie Bundesinnenministerium hat seinen Markteintritt mit dem gleichartigen Projekt De-Mail für Ende 2010 angekündigt und wird für einen harten Wettkampf im Preis-Leistungsbereich sorgen. Zudem plant die Bundesregierung die Verabschiedung eines Gesetzes, mit dem rechtliche Standards derartiger Sendungen festgeschrieben werden. Unter anderem steht dabei auch die Bezeichnung De-Mail mit der einheitlichen Domain-Endung .de-mail.de als verbindliche Kennzeichnung derartiger Angebote in der Diskussion. Die Post setzt hingegen auf die eigene Marke E-Postbrief und will eine anderweitige Ettikettierung unter allen Umständen verhindern.
Große Unsicherheiten ergeben sich darüber hinaus aus Erfahrungen in anderen Ländern, die eher gegen ein rentables Onlinegeschäft sprechen. Francotyp-Postalia-Chef Drechsler verweist etwa auf Finnland und Dänemark. Dort sei der Erfolg gering. Die dänische Post mache sogar Verluste mit dem Angebot. "Ich denke, dass es anfangs einen Hype darum geben wird. Doch dann werden viele Kunden wieder abspringen, wenn sie sehen, dass sie solch ein Angebot nicht häufig brauchen", so der Unternehmer. Die von der deutschen Post laut "Welt Online" anvisierten eine Million E-Postbrief-Kunden im ersten Jahr seien kaum realistisch. "Ich halte die Ziele für relativ euphorisch", sagt Drechsler. Ganz unvoreingenommen ist seine Skepsis freilich nicht: Auch er will sich an De-Mail beteiligen.