Dienstag, 09.03.2010 18:12

Gier, Panik, Absturz: "Neuer Markt" vor 10 Jahren

aus dem Bereich Sonstiges

Es war eine Zeit, in der herkömmliche Bewertungsmaßstäbe nicht mehr galten. "Das ist überhaupt nicht mehr nachvollziehbar, wieso virtuelle Unternehmen mit zwei, drei Mitarbeitern auf solch eine hohe Marktkapitalisierung kommen", urteilte die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Schon zum dritten Geburtstag des Segmentes warnten Analysten: "Der Kaufrausch könnte von einer Verkaufspanik abgelöst werden." Als Warnsignal galt vor allen das schwindelerregende Kursniveau manch kleinen Unternehmens in der Größenordnung von Industrie- und Finanzriesen.

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Mehr Verlust als Umsatz

Auch in der Bilanzanalyse mussten sich Leser an neue Kennziffern gewöhnen: Es zählte nicht mehr, was unter dem Strich herauskam. Viele der Börsenneulinge hatten hohe Kredite aufgenommen, um Zukäufe zu finanzieren. Die Zinslasten und die teilweise enormen Abschreibungen auf diese Zukäufe wurden ausgeblendet, indem man sich nur noch auf bereinigte Ertragsziffern konzentrierte. Dass manches Unternehmen weniger Umsatz als Verlust verbuchte, interessierte nicht; dagegen reichten Meldungen über Kundenzuwächse, angebliche Aufträge oder Internetzugriffszahlen, um die Firma an der Börse mit Kursexplosionen zu feiern.

Gestartet hatte die Deutsche Börse mit einer simplen Grundidee: Der Ruf nach Risikokapital für junge Unternehmen in Wachstumsbranchen wurde immer lauter, doch bei der Finanzierung solcher Firmen nach US-Vorbild haperte es bislang in der Praxis. Der "Neue Markt" sollte Wachstumsunternehmen mit risikobewussten Investoren zusammenbringen, so lautete das Credo der Frankfurter Börsenmanager. Als der Startschuss für das neue Börsensegment fiel, waren nur zwei Börsenneulinge mit von der Partie: Der schwäbische Autozulieferer Bertrandt und der norddeutsche Mobilfunkanbieter Mobilcom.

Der damals vielzitierte Börsenguru André Kostolany hatte schon frühzeitig gewarnt und den "Neuen Markt" eine "Spielhölle mit gezinkten Karten" genannt. Endgültig als "Zockermarkt" in Verruf kam der "Neue Markt", als aufgeblasene Bilanzen, Insiderhandel und Kursbetrug ruchbar wurden, angeführt vom Münchner Unternehmen Comroad, das fast seine gesamten Umsätze erfunden hatte.

Christian Wolf / dpa
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