Damals träumten Millionen vom Millionärsleben - am Ende wurden Milliarden verbrannt. Am 10. März 2000 erreichte der Börsenirrsinn seinen Höhepunkt, auf den Tag genau drei Jahre nach dem Start des "Neuen Marktes" an der Frankfurter Börse. Was danach folgte, war ein Zusammenbruch auf Raten, noch angefeuert von dem Ende einer weltweiten Börsenhysterie und den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA.
Aktienwert: 230 Milliarden Euro
Der Aktienwert des sogenannten "Wachstumsmarktes" mit Titeln wie EM.TV, Brokat, Gigabell, Intershop oder Metabox belief sich in der Spitze auf mehr als 230 Milliarden Euro. Und der Auswahlindex Nemax 50 für die 50 wichtigsten Firmen am "Neuen Markt" erreichte im Tagesverlauf fast 9700 Punkte - einen Wert, der sich nie mehr wiederholen sollte. Im Gegenteil: Fast ebenso heftig, wie die Gier nach möglichst schnellen Gewinnen die Aktien immer weiter nach oben trieb, schlug die Anlegerstimmung jäh in Panik um. Schon Ende März notierte der Nemax 50 nur noch bei rund 7500 Punkten, Anfang 2001 bei etwa 2150 Zählern. Das Rekordtief wurde am 7. Oktober 2002 erreicht, bei nur noch gut 306 Punkten. Rund ein halbes Jahr später wurde der "Neue Markt" faktisch eingestellt.
Spätestens mit dem Telekom-Börsengang 1996 mutierte die Republik allmählich zu einem Volk von Kleinanlegern. In Umfragen hieß es damals, mehr als 50 Prozent der Bürger glaubten, dass sie an der Börse reich werden. Allein der Hinweis auf Hightech oder ein "dotcom" im Firmennamen reichten aus, um neue Aktien unters Volk zu bringen, egal zu welchem Preis, denn Kurssprünge innerhalb weniger Tage galten als garantiert.
Zeitzeugen erinnern sich an teilweise bizarre Szenen: Da wurden Finanzjournalisten und deren Angehörige von Nachbarn um Aktientipps angebettelt, Patienten im Wartezimmer fachsimpelten über "Bookbuilding-Spannen" beim Börsengang junger Unternehmen. Börsenprogramme im Fernsehen waren scheinbar populärer als die Sportschau. Studenten lasen in Vorlesungen Finanzzeitungen und Börsenbriefe, statt dem Professor zu lauschen. In deutschen Unternehmen müssen Millionen Arbeitsstunden verloren gegangen sein, weil die Beschäftigten während der Arbeitszeit akribisch Kursverläufe beobachteten und online mit Aktien handelten - private Internetanschlüsse waren damals noch recht teuer und langsam.