Laut eines Berichts des "Handelsblatt" vom Freitag will sich der
Internetanbieter Versatel aus dem Kampf um Privatkunden zurückziehen. Versatel reagiere damit auf die
Sättigung des DSL-Marktes, die mit immer kleineren Gewinnmargen einhergehe, so das Blatt. Die Überschrift des zugehörigen Artikels birgt einiges Potential für Missverständnisse und erweckt mitunter den Eindruck, Versatel wolle sein Geschäft für Privatkunden aufgeben. Erst nach einem Telefonat mit der Versatel-Pressestelle wird klarer, welche Kernaussage eigentlich hinter der Schlagzeile steckt. So erfahre die Privatsparte keinerlei Änderung. Man sei zukünftig lediglich etwas defensiver bei Investitionen in teure Marketingkampagnen.
Der Schwerpunkt wird verlagert
In dem "Handelsblatt"-Artikel kündigte Versatel-Chef Alain D. Bandle eine Neuausrichtung des Unternehmens an. "Früher lag unser Schwerpunkt auf dem Privatkundengeschäft, jetzt reagieren wir auf die ökonomischen Realitäten", sagte Bandle. Es gehe nur noch darum, Wettbewerbern die Kunden abzujagen. "Wir haben bei hohen Kundengewinnungskosten kein Interesse daran", so Bandle. Nach Aussage von Versatel-Sprecherin Jana Wessel bedeute dies jedoch nicht, dass es zwangsläufig einen Verkauf des Firmenzweigs geben werde. "Wir sind mit unserem Privatkundengeschäft äußerst zufrieden und freuen uns über jeden Neukunden. Daher gibt es keinen Grund für Veränderungen für unsere Neu- und Bestandskunden. Versatel wird sich in Zukunft lediglich etwas zurückhaltender zeigen, wenn es um die offensive und kostenintensive Akquise von Neukunden geht", so Wessel auf Nachfrage unserer Redaktion.
Mehr Aufmerksamkeit für die Geschäftskundensparte
Versatel-Chef Alain Bandle
Bild: Versatel
Ein entsprechendes Sparprogramm zur Effizienzsteigerung sorgte bereits für die Anhebung der Gewinnprognose vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 180 Millionen auf 185 Millionen Euro. Die Neujustierung bei Versatel soll offensichtlich die profitableren Geschäftszweige stärker betonen, während dem Markt für private
DSL-Anschlüsse zukünftig etwas weniger Bedeutung als bisher beigemessen wird. Insbesondere das Privatverbrauchergeschäft warf in letzter Zeit keine Gewinne mehr ab. Während hier im dritten Quartal im Vergleich zum Vorjahr ein Umsatzrückgang von 6,6 Millionen Euro zu verzeichnen war, konnte die Einnahmen im Geschäftskundenbereich um knapp vier Prozent gesteigert werden - der höchste Anstieg in der bisherigen Firmengeschichte. Darüber hinaus erzielte Versatel durch die Vermietung seines Netzes an Wettbewerber ein Umsatzplus von fast elf Prozent im Vergleich zum Vorjahreswert.
VDSL-Ausbau in Kooperation vorstellbar
Die Bereitstellung der eigenen Infrastruktur für andere Unternehmen soll daher zukünftig verstärkt zum Kerngeschäft gehören. Versatel hat hier vor allem den boomenden Bereich des
mobilen Internets im Auge. "Wir sehen bei Mobilfunknetzbetreibern echtes Interesse, unser Netz zu nutzen", sagte Bandle dem "Handelsblatt". Er gehe davon aus, dass die starke Zunahme von
mobilen Datendiensten einen ungeheuren Bedarf nach mehr Netzkapazitäten auslösen werde - so benötigen auch Mobilfunkunternehmen ein Festnetz, um Signale von ihren Antennen weiterzuleiten. Mit mehreren Branchenvertretern gäbe es Gespräche auf Vorstandsebene, jedoch seien diese in einem sehr frühen Stadium, so der Versatel-Chef. Brandle glaubt allerdings an schnelle Fortschritte. Es sei vergleichsweise günstig, die Versatel-Leitungen bis zu den Mobilfunkanlagen zu verlängern. Termine zu weiteren Gesprächen stünden zudem bereits fest.
Eine zweite Zielgruppe für die Vermietung des Netzes sieht Brandle in
Internet Providern ohne eigenes Hochgeschwindigkeitsnetz. Diese hätten bisher nur die Wahl, ihre Kapazitäten unter hohen Investitionen selbst auszubauen oder die VDSL-Infrastruktur der
Deutschen Telekom zu nutzen. Versatel geht davon aus, die eigenen Leitungen könnten weitaus günstiger als beim Marktführer bereitgestellt werden. Die nötigen Kosten für die Erweiterung des Netzes auf VDSL-Geschwindigkeit will sich der DSL-Anbieter allerdings mit seinen Großkunden teilen. Verschiedene Modelle stehen hierzu im Raum. Möglich wären etwa eine Beteiligung der Mieter an den Baukosten oder langjährige Kooperationsverträge, die Versatel mehr Investitionssicherheit bieten würden. Auch für den Endverbraucher böte eine solche Option einige Vorteile. Die Verfügbarkeit von
VDSL würde sich enorm erhöhen - bei gleichzeitig sinkenden Kosten.