Die
am Donnerstag eingereichte Klage des finnischen Handyherstellers
Nokia sorgt für Spekulationen in der Fachwelt. Viele Experten beschäftigt insbesondere die Frage, warum erst jetzt gerichtliche Schritte gegen
Apple eingeleitet werden, obwohl die Lizenzproblematik bereits seit Jahren bekannt ist. Eine Erklärung: Die Finnen versuchen nach den
massiven Verlusten im letzten Quartal zeitnah an Apples Erfolg mitzuverdienen und den Rivalen etwas auszubremsen.
Klage als letzter Schritt
Denn schon in der ersten Generation des
iPhone sollen die Technologien zum Einsatz gekommen sein. Dass der Konzern aber erst mehr als zwei Jahre nach der Markteinführung Anfang 2007 Klage erhebt, begründete Nokia-Sprecher Mark Durrant mit vorherigen Verhandlungen: "Apple war nicht bereit, angemessene Konditionen für diese Lizenzen zu bieten. Die Klage ist der letzte Schritt." Apple erklärte lediglich, man äußere sich nicht zu laufenden Gerichtsverfahren. Zehn Patente soll Apple verletzt haben. Sie betreffen wichtige Mobilfunkstandards wie GSM und
UMTS, die Drahtlos-Verbindung
WLAN, außerdem Sprachkodierung und Verschlüsselung. "Es ist unmöglich,
Handys ohne diese Patente zu bauen", betonte Durrant.
Lizenzstreitigkeiten an der Tagesordnung
Nokias Bilanzen sollen mit Hilfe des iPhones bald wieder nach oben zeigen. Bild: Apple
Da Handys in Zeiten des
mobilen Internets multimediale Alleskönner sind, müssen Handyhersteller zahlreiche Patente anderer Unternehmen nutzen. Nach Brancheninformationen machen die Lizenzzahlungen ein bis zwei Prozent des Verkaufspreises aus, in einigen Fällen sogar noch mehr. Insgesamt dürfte dieser Anteil noch höher sein, da auf einige zugekaufte Komponenten bereits Lizenzgebühren aufgeschlagen werden. Die Mobilfunk-Riesen tauschen ihre Patente meist untereinander aus teils gegen Lizenzgebühr. Allerdings läuft das nicht ohne Gerangel. Nokia stritt sich bereits mehrere Jahre mit dem amerikanischen Chiphersteller Qualcomm, HTC muss sich gegen eine Klage des Münchner Patentinhabers IP-Com wehren. Dabei geht es vor allem um Geld. Nicht selten einigen sich die Gegner außergerichtlich, wenn der Preis stimmt.
So liegt es nahe, dass Nokia auch in diesem Fall hauptsächlich auf eine schnelle finanzielle Entschädigung spekuliert. Nach Einschätzung eines Analysten will der Handy-Weltmarktführer das iPhone nicht stoppen. "Wir gehen davon aus, dass die Firma mit Apple seit mehr als einem Jahr über Lizenzzahlungen spricht", schrieb der Experte Gene Munster von Piper Jaffray in einem Bericht an Kunden, der dem "Wall Street Journal" vorliegt. Nokia wolle mit der Klage die zähen Gespräche beschleunigen.
Mehr als 200 Millionen Dollar Schadensersatz
Denn: Sollte Nokia mit seinen Vorwürfen Recht haben, könnte sich die Klage lohnen. Der Konzern beziffert seine Forderungen nicht, ein Rechenbeispiel gibt aber Anhaltspunkte. Der durchschnittliche Verkaufspreis eines iPhones beträgt laut Schätzungen der "New York Times" rund 600 Dollar, Apple hat seit der Markteinführung mehr als 34 Millionen Geräte verkauft. Selbst wenn die Nokia-Patente nur ein Prozent des Preises ausmachten, erhielte der Konzern mehr als 200 Millionen Dollar Schadenersatz. Und diese Quelle könnte weiter sprudeln: Apple setzt jedes Quartal weitere Millionen seiner Lifestyle-Handys ab.
Mit seinen
eigenen Smartphones ist Nokia - bis auf wenige Ausnahmen - bislang wenig erfolgreich. Der Konzern führt den Handymarkt mit einem Anteil von rund 38 Prozent weiter an. Doch Apple,
Research in Motion und HTC bringen moderne Smartphones in Serie auf den Markt, die deutlich höhere Gewinnmargen abwerfen als klassische Handys. Im Vergleich zu deren Milliarden-Umsätzen wären auch ein paar hundert Millionen Dollar Entschädigung nur ein Trostpflaster.