Über das Alter des
Internets - oder vielmehr seinen populärsten Teil, das World Wide Web (WWW) - gibt es unterschiedliche Angaben. Als einer der "Geburtstage" gilt der 6. August 1991, als der Erfinder Tim Berners-Lee das Projekt des europäischen Teilchenforschungszentrums CERN in der Newsgruppe alt.hypertext vorstellte und es damit öffentlich machte. Das WWW wird also an diesem Donnerstag volljährig, wie man sagen könnte. Der Bremer Organisationspsychologe Peter Kruse sieht das Netz trotzdem noch mitten in der "Pubertät", wie er im Interview sagt.
Herr Prof. Dr. Kruse, das Internet, also das WWW, ist jetzt mindestens schon volljährig - was ist gerade los mit ihm?
Kruse: "Das World Wide Web durchlebt, zugegeben leicht verspätet, die Höhen und Tiefen der pubertären Phase. Die Pubertät zeichnet sich dadurch aus, dass die Verhaltensmöglichkeiten bereits deutlich weiter entwickelt sind als die Fähigkeit zu deren sinnvollen Einsatz. Zusätzlich ist die Pubertät eine Zeit besonders sensibler Selbstwahrnehmung. Die entstehenden Wechselbäder in der Befindlichkeit charakterisieren ganz gut auch die aktuelle Situation im Internet. Mal wird das Netz in den Himmel gelobt, mal wird es in Grund und Boden kritisiert.
Die Spannbreite der Einschätzungen reicht vom globalen Bewusstsein, dessen kollektive Intelligenz hilft, die Probleme der Welt zu lösen, bis zu einem schrillen Rauschgenerator, der es mit zweifelhaften Informationen zusätzlich erschwert, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Das World Wide Web oszilliert zwischen Wunsch, Weisheit und Wahnsinn, so wie es sich für eine ordentliche Pubertät gehört."
Pubertät also - was und wie war denn dann die Kindheit des Internets?
Kruse: "In den ersten Jahren des World Wide Web war es wie beim Kind ein Rausch der Sinne und des Ausprobierens. Informationen, die man sonst nur schwer bekommen konnte, standen plötzlich wie selbstverständlich zur Verfügung. Es entstand eine Art Zugangsboom: "Ich bin drin". Die sprichwörtliche Assoziation zwischen Wissen und Macht lockerte sich. Aber die explosive Vermehrung der zur Verfügung gestellten Informationen mündete schnell in der ernüchternden Frage, was von dem, was mir im Netz angeboten wird, für mich sinnvoll und nützlich ist.
Es ging plötzlich nicht mehr um Zugang zu Information, sondern um die Reduktion von Komplexität. Der "Zugangsboom" mündete in den "Empfehlungsboom". Die Teilnehmer des Netzes verhielten sich wie ein Tourist, der in eine fremde Stadt kommt, wenig Zeit hat und dennoch die Plätze finden will, die für ihn bedeutsam sind: er engagiert einen Stadtführer oder fragt Leute, die ihm sympathisch und kompetent erscheinen. Der Übergang zum Web 2.0 war eigentlich eine logische Konsequenz.
Aber, nüchtern betrachtet, haben weder der "Empfehlungsboom", noch die mit der sozialen Software möglich gewordenen Interaktionen das Problem der Verringerung von Komplexität gelöst, sondern es nur auf eine höhere Ebene gehoben. Da kann es schon entlastend sein, ein klar strukturiertes und gut gewähltes Netz von "Freunden" zu haben oder dem "Zwitschern" kenntnisreicher Menschen zu folgen. Solange allerdings die Qualität der Bewertung sich langsamer entwickelt als die Quantität der Beteiligung, muss eine grundsätzliche Skepsis gegenüber der Leistungsfähigkeit dieser Form der kollektiven Intelligenz aufrechterhalten bleiben."