Um die Welt zu verändern, braucht man sechzig Minuten und einen
Internetanschluss. Davon war eine Handvoll Blogger auf der
Internet-Konferenz re:publica in Berlin überzeugt und versuchte es am Donnerstag. Die Idee ist simpel: Jeder von ihnen stellt dieselbe Information auf alle möglichen Seiten, Blogs, Chats und Twitterdienste im Netz. Diese verbreite sich weltweit und bewege etwas, sagte der Leiter des Experiments, Nicky Szmala. Eine Stunde später könne die Welt eine bessere sein.
5.000 Bücher für die Mongolei
Um 14.00 Uhr geht es los. Das Ziel: Die Teilnehmer sollen 5.000 Bücher für das karitative Projekt buecherbruecke.org sammeln. Diese sind als Beitrag gegen Analphabetismus für die Mongolei gedacht. Rund vierzig Teilnehmer der Konferenz sitzen in einem kleinen Raum in der Berliner Kalkscheune. Die Tür nach außen ist zu. Sie haben
Notebooks auf dem Schoß, manch einer zudem noch ein internetfähiges
Handy in der Hand. Es riecht nach Kaffee. Noch diskutieren sie über ihre Strategie: Soll jeder alleine vor sich hin arbeiten? Wer schreibt wo? "Mann, wir reden zu viel", sagt einer. Erst um 14.21 Uhr hauen sie endlich in die Tasten und verbreiten die ersten Nachrichten auf dem Online-Dienst Twitter: "Dies ist ein Beitrag, der keine Zeit für große Worte hat. Wir suchen englischsprachige Bücher für die Mongolei." Einer gestaltet eine Seite im
sozialen Netzwerk Facebook. Sie schreiben ihre StudiVZ- Freunde an, aktualisieren ihre
Skype-Statusmeldung: "Bücher übrig?"
Kein Netz - keine Bücher und die Grenzen der Bloggergemeinde
17 Minuten später bringt der Berliner Tobi Weißenfels als erster Blogger den Beitrag auf seiner Seite. Noch sind keine Bücher gesammelt und das erste Problem taucht auf:
Die Netzverbindung ist wieder unterbrochen. Nur noch einige wenige können über selbst mitgebrachte
UMTS-Karten ins Netz gehen. Die anderen sind raus. Um 14.41 Uhr durchforstet Weißenfels Angebote im Internet-Auktionshaus
eBay, die bald auslaufen. Er stellt den Link zu den Angeboten ins Netz. Vielleicht kauft jemand das Buch und spendet es. Noch immer ist kein einziges gesammelt worden. 14.47 Uhr, jetzt macht sich Panik breit. "Das blöde ist: Alle Blogger sind hier", schreibt ein Twitterer. Die Info kommt im Netz nicht voran. Einige klappen ihre Laptops zu, greifen stattdessen zum Handy und rufen Freunde an: "Sag mal, hast du Bücher übrig?" Die Telefonnummern von Buchverlagen werden gewählt. Einer reicht ein weißes Blatt Papier herum, auf dem jeder Anwesende persönliche Bücherspenden notieren soll. 16 Bücher kommen zusammen. Ein Schulbuch-Verlag lässt sich am Telefon überreden, fünf Bücher abzugeben.
Um 14.59 Uhr ist es eigentlich vorbei. 24 Bücher sind für die Kinder in der Mongolei zusammengekommen, 5.000 sollten es eigentlich sein. Eine Eieruhr verkündet das Ende des Experiments, doch keiner hört hin. Das Projektziel wurde nicht erreicht. Es wird dennoch weiter telefoniert und getippt. "Sechzig Minuten reichen nicht aus", ruft einer. "Aber, hey Leute, was wir in einer Stunde im Netz aufgebaut haben, kann noch über Tage wirken."