Welch ein Szenario! Ein weltweit grassierendes Virus bemächtigt sich der Computer und Maschinen – Flüge verspäten sich, Fahrstühle bleiben stecken und die Ampelschaltungen drehen durch. In der letzten Zeit ist viel über den PC-Wurm
Conficker geschrieben worden, vieles davon ist wahr – weit mehr allerdings war spekulativer Natur. So wie die Furcht vor dem 1. April, dem internationalen Doomsday, an dem Conficker einen Zusammenbruch des öffentlichen Lebens herbeiführen könnte, da ihn an diesem Tag neue, bislang unentschlüsselte Befehle erreichen. Onlinekosten.de griff die Vorstellung auf und schickte seine Leser gestern in den April: "
Conficker greift an: Weltweites Datenleck entdeckt", titelten wir auf unserer Startseite.
Das Chaos blieb aus
Deshalb zunächst – und in aller Klarheit: Nein, Conficker ist nicht ausgebrochen. Das vorausgesagte weltweite Chaos ist (bisher) ausgeblieben. Nach Angaben von McAfee beschränkt sich Conficker zur Stunde erst einmal darauf,
sich des aktuellen Datums zu vergewissern. Zu einem Nachladen der nebulösen Updates – vor allem durch die gefürchtete aber am schwächsten verbreitete Variante C – ist es noch nicht gekommen, die Anfragen des Wurmes laufen ins Leere.
Wachsamkeit – keine Panik ist angesagt
Unsere Meldung hat erwartungsgemäß für einigen Wirbel gesorgt. Wenige Minuten nach der Veröffentlichung erreichten erste Anrufe von Fernsehsendern die Redaktion. In mehreren Leserbriefen wurden wir eindringlich um die Nennung der Quelle gebeten. Gegen Mittag meldete sich dann auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) aus Bonn, wo man sich heute eigentlich vorrangig mit dem "
Girl's Day beim BSI" beschäftigte: Einen Sicherheitsleitfaden für Nutzer hätte es nie gegeben, eine Eilmaßnahme erst recht nicht. "Warum eigentlich nicht?" fragten wir. Wie der Sprecher betonte, erfordere die Lage durchaus Wachsamkeit – aber keine Panik. Inmitten des Medienhypes der vergangenen Wochen sei eine sachliche Betrachtung des Phänomen Conficker zu kurz gekommen. "Mit dem berühmten Dreiklang ist jeder auf der sicheren Seite: Updates herunterladen und installieren, einen Virenscanner verwenden und eine Firewall einrichten", so der BSI-Sprecher, der die Aktion von onlinekosten.de mit Humor nahm.
Plötzlicher Knalleffekt mehr als unwahrscheinlich
Tatsächlich halten neben der IT-Behörde auch die Experten einen plötzlichen Knalleffekt des Virus für mehr als unwahrscheinlich. Dem Urheber des Schadcodes wäre damit jedenfalls wenig gedient: "Wir glauben, dass die Software mit der Absicht programmiert wurde, Geld zu machen", sagte Vincent Weafer von Symantec der BBC. "Zu den Charakterzügen eines solchen Wurms gehört es, alles niedrig und langsam laufen zu lassen und so unter dem Radar der Aufmerksamkeit zu bleiben, um die Profite über einen langen Zeitraum zu maximieren." Niemand weiß, wie viele infizierte Rechner Conficker mittlerweile zu einem Botnet zusammengefügt hat. "Drei bis vier Millionen" wurden noch vor einigen Tagen vermutet. Seit heute ist in einigen einschlägigen Medien die Rede von "zehn Millionen" befallenen PCs. Conficker hat dieses fragile, ausgedehnte Netzwerk mühsam aufbauen müssen, weshalb sich die die Frage aufdrängt: Warum sollte der Wurm nun plötzlich ein Interesse daran haben, auf breiter Front diese Computer lahm zu legen?
Anweisungen befolgt? Gut so.
Leser, die auf die gestrige Meldung hereingefallen sind, brauchen sich nicht zu ärgern: Wachsamkeit ist weiterhin angesagt. Wer aufgrund des Berichts fehlende Patches für sein Betriebssystem installierte und die Virensignaturen aktualisierte, hat einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit seines PC-Systems geleistet. Ebenso kann es auch nicht schaden, in diesen Tagen ein Backup der wichtigsten Dateien anzufertigen. Und letztlich: Bei frühlingshaften Temperaturen einmal den Computer ausgeschaltet zu lassen (zumindest bis 22 Uhr), kann doch hin und wieder auch erfrischend sein – oder?