Nach der aufsehenerregenden
Abschaltung der Weiterleitung auf die deutsche Wikipedia, hat es nun auch die Enzyklopädie in Großbritannien getroffen: Wegen eines angeblich kinderpornografischen Schallplatten-Covers haben britische Internet-Provider Teile des Online-Lexikons lahmgelegt. Seit dem Wochenende können zahlreiche Nutzer den Artikel über ein Album der deutschen Rockband Scorpions nicht mehr aufrufen und generell keine Texte der Mitmach-Enzyklopädie bearbeiten, berichtete die Wikimedia Foundation am Sonntag (Ortszeit) in San Francisco. Die Hülle der Platte "Virgin Killer" aus dem Jahr 1976 zeigt ein offenbar minderjähriges, nackt posierendes Mädchen.
URL auf der Blacklist
Die Sperrung geht auf die britische Internet Watch Foundation zurück. Es handle sich um ein "potenziell illegales anstößiges Bild", erklärte die britische Internet-Kontroll-Organisation am Sonntag in London. Da die Datei auf einem Server außerhalb Großbritanniens liege, könne man sie nicht löschen lassen. Man habe aber die Internet-Adresse (URL) des Artikels auf eine Liste mit fragwürdigen Inhalten (Blacklist) gesetzt. Ein Großteil der Anbieter von Internet-Verbindungen in Großbritannien blockiert freiwillig diese Websites.
Zensurvorwurf
Die Wikimedia Foundation bezeichnete die Sperrung als Zensur. "Wir haben keinen Grund, davon auszugehen, dass der Artikel oder das Bild irgendwo in der Welt als illegal eingestuft wurde", sagte Mike Godwin von der Wikimedia-Stiftung, die das Online-Lexikon betreibt. Der Artikel diskutiere das Bild auf neutrale Art und Weise.
Die Plattenhülle sorgte bereits bei der Veröffentlichung vor mehr als 30 Jahren für Diskussionen und wurde in neueren Auflagen durch ein Foto der Scorpions ersetzt. Der juristische Vertreter der Band, die Anwaltskanzlei Peter F. Amend aus Gießen, äußerte sich auf Anfrage zunächst nicht zu dem Thema.
Update: Band-Gründer äußert sich
Scorpions-Gründer Rudolf Schenker (60) hat sich am Dienstag klar von dem Plattencover seiner Band mit dem nackt posierenden Mädchen distanziert. "Heute würden wir so ein Cover nicht mehr machen. Kinderpornografie ist furchtbar. Damals aber waren die Zeiten andere, das war kein Thema", sagte der Gitarrist in Hannover der "Neuen Presse".