Noch sind die Buchdeckel nicht zusammengeklappt: Nach ihrem Rauswurf beim ZDF hat der Poltergeist der deutschen Literaturszene, Elke Heidenreich, ein neues Zuhause gefunden. Mit ihrer Büchersendung "Lesen!" – oder "Weiterlesen!", wie das neue Format nun heißt – geht es künftig im Internet weiter.
"Weit und breit kein Kerner"
Zur Vorgeschichte: Einen Tag nach Marcel Reich-Ranickis Partydämpfer bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises war Heidenreich dem Literaturpapst mit einem redaktionellen Aufschrei in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zur Seite gesprungen – dieser hatte allerdings eher reserviert bis verschnupft auf den Paukenschlag ("Man schämt sich, in so einem Sender überhaupt noch zu arbeiten.") reagiert. Kurze Zeit später setzte das Öffentlich-Rechtliche Heidenreich samt ihrer sechsmal im Jahr stattfindenden Lesesendung vor die Tür.
Nun, mit ihrem neuen Sendeplatz auf dem frisch gegründeten Literaturportal
litcolony.de, findet Heidenreich zu gewohntem Selbstbewusstsein zurück und äzt gegen den ehemaligen Arbeitgeber: "Das Schöne ist: Vor mir kein Gejodel, nach mir keine Koch-Show. Weit und breit kein Kerner – also lauter gute Neuigkeiten."
Tote Hose am Stammtisch
"Lesen!" – respektive "Weiterlesen!" – wird seit Dezember monatlich produziert und ausgestrahlt und zwar nicht zu einem "ungünstigen nächtlichen Sendeplatz im ZDF, wo uns niemand findet", sondern on-demand. Ort des Geschehens ist auch nicht länger die Kölner Kinderoper, sondern die urig-kölsche Südstadt-Kneipe "Backes". Als ersten Gast der halbstündigen Netzsendung hat Heidenreich den Toten Hosen-Sänger Campino zum Lesezirkel geladen. Ob das neue Format ein Erfolg wird, bleibt zunächst abzuwarten. Wie die Moderatorin selbst einräumt, würden sicher nicht alle alten Fans der Sendung mit in das Netz ziehen – doch dafür würden neue Anhänger dazukommen. Einem bestimmten Zuschauer trauert sie jedenfalls nicht hinterher: "Ich glaube Marcel Reich-Ranicki findet uns da dann doch nicht mehr – doch das macht nichts, denn Frauen verstehen ja sowieso nichts von Literatur."
"Weit und breit kein Kerner" - Heidenreich im neuen Kneipenstudio "Backes". Screenshot: onlinekosten.de
André Vatter