Für Microsoft ist es eine Art Revolution: Gut drei Jahrzehnte nach seiner Gründung vollzieht der heute weltgrößte Software-Konzern einen radikalen Kurswechsel. Im Zentrum soll weit weniger als bisher der einzelne PC auf dem Schreibtisch stehen, sondern das Internet als gigantischer Datenspeicher mit Zugang von überall - etwa via
Handy. Bei einer mit Spannung erwarteten Entwicklerkonferenz in Los Angeles will Microsoft von diesem Montag an den Vorhang für die neue Strategie ein weiteres Stück lüften. Mitsamt einer anderen Premiere: Erstmals gibt der Software-Riese einen Blick frei auf die nächste Generation seines
Windows-Betriebssystems als Nachfolger von
Vista.
Cloud-Computing
Mit seiner Strategiewende ist Microsoft keineswegs Vorreiter - eher im Gegenteil. Längst sagen Experten voraus, dass die Zukunft der Computerwelt in der "Wolke" ("Cloud") liegt. So nennen sie die
Zusammenballung unzähliger Rechner via Internet. "Cloud Computing"
nutzt das Web als riesigen Computer.
Unternehmen winken hier hohe Einsparungen, weil sie sich teure
Rechenzentren sparen können. Doch auch die meisten Privatleute nutzen
das Prinzip bereits: Wer etwa sein E-Mail-Postfach bei einem
Online-Anbieter wie Yahoo!, AOL oder GMX hat, braucht weder eigens
installierte Software wie Microsofts "Outlook" noch viel Speicher auf
dem PC - ein Browser zum Internetsurfen genügt. Google bietet online
auch Textverarbeitung und Tabellenprogramme an. Firmen wie
Salesforce.com versorgen Konzerne mit Mietsoftware via Internet.
Für Microsoft ist das eine große Bedrohung. Der Konzern verdient
seine Milliarden bislang vor allem mit dem
Windows-Betriebssystem und
den Office-Büroprogrammen. Der Kurswechsel nach ersten Testballons
wie dem Service "Live Mesh" zum Datenspeichern im Web ist für den
Riesen laut Experten ein Balance-Akt: Die neue Strategie darf heutige
Umsätze nicht noch zusätzlich gefährden.