"Premiere macht Fernsehen zum Erlebnis": das Motto des Münchener Pay-TV-Senders Premiere trifft derzeit vor allem für die Ereignisse hinter den Kulissen zu. Im Moment scheint in der Premiere-Zentrale offenbar ein heilloses
Chaos zu herrschen. Anfang September war Premiere-Chef Michael Börnicke
zurückgetreten, tiefrote Zahlen und rund eine Million weniger
Abonnenten als bisher bekannt sorgten für eine dramatischen Kurssturz der Premiere-Aktie. Doch die Lage für Premiere könnte noch problematischer werden.
Krise noch nicht beendet
Nach einem Bericht der "Financial Times Deutschland" (FTD) könnten die falschen Angaben über die Zahl der realen Abonnenten des an der Börse gelisteten Pay-TV Sender möglicherweise noch ein juristisches Nachspiel haben. "Entscheidend ist, ab wann Premiere von den jetzt publizierten Zahlen wusste und damit an die Öffentlichkeit hätte gehen müssen", so der Tübinger Rechtsanwalt Andreas Tilp. Premiere-Aktionären seien kursrelevante Informationen vorenthalten worden. Der Kurs der Premiere-Aktie sackte zu Wochenanfang, auch im Strudel der aktuellen Finanzkrise, wiederum um zeitweise über 25 Prozent in den Keller. Erst in der vergangenen Woche hatte sich das Premiere-Papier glatt halbiert. Eine Aktie ist jetzt bereits für knapp unter vier Euro erhältlich.
Neuer Premiere-Chef kämpft gegen tiefrote Zahlen
Der neue Premiere-Chef Mark Williams, von Großaktionär Rupert Murdoch als Nachfolger von Börnicke eingesetzt, hatte die Abonnentenzahlen von Premiere mit den bei Murdochs Sky-Gruppe üblichen Maßstäben berechnet. Dabei sind die jahrelang falsch aufgeführten Abonnentenzahlen bekannt geworden. Statt 4,2 Millionen Abonnenten sind es real nur 3,6 Millionen Kunden. Davon besitzen lediglich 2,3 Millionen Kunden direkte Premiere-Laufzeitverträge. Seit 2005, dem Börsengang von Premiere, ist die Zahl der Direktkunden beständig weiter gesunken. Illusorisch sind die Wunschziele des ehemaligen Premiere-Chefs Börnicke, der bis 2012 eine Abonnentenzahl von rund zehn Millionen Kunden erreichen wollte. Stattdessen kämpft der neue Vorstandschef Williams nun mit tiefroten Zahlen, alleine für das laufende Jahr droht ein operativer Verlust von bis zu 70 Millionen Euro.
Großaktionär Murdoch will Premiere sanieren
Rupert Murdoch, der bei seinem Einstieg bei Premiere im Januar noch 17,50 Euro pro Aktie gezahlt hat, hält dennoch an der Sanierung des Senders fest. Nach Ansicht der FTD sind derzeit kursierende Gerüchte über einen Rückzug der Premiere AG von der Börse aber eher unwahrscheinlich. Murdoch müsste für die komplette Übernahme der restlichen 75 Prozent an Premiere den Durchschnittspreis der letzten drei Monate zahlen, der deutlich über dem aktuellen Kurs liegt.
Was die aktuellen Turbulenzen für Premiere-Kunden bedeuten ist derzeit noch unklar. Am 4. Oktober ist im Film-Paket von Premiere der neue Murdoch-Serienkanal
Fox gestartet. Der Einfluss von Murdoch wird in Zukunft sicher noch weiter spürbar werden. Wenn auch die Sender- und Paketpreisstruktur an die der Sky-Gruppe angepasst wird, dann könnten die Kunden zwar mit einer größeren Senderauswahl, aber auch mit höheren Preisen rechnen.