Der Weg der modernen Zeitung ist zunehmend zweigleisig. Aus dem reinen Printmedium sind in vielen Verlagshäusern Internet-Ableger entstanden, die sich allmählich nach anfänglichen Schwierigkeiten zu wirtschaftlich aussichtsreichen Geschäftsmodellen entwickelt haben. Ein ungewöhnliches Konzept steckt dagegen hinter der neuen "
Gießener Zeitung": Das seit Anfang September im Internet erscheinende Blatt, das zu einem Großteil nur aus den Artikeln seiner Leser besteht, wird gleichzeitig ganz altmodisch als "Best of"-Version auf Papier gedruckt. Experten und die Konkurrenz betrachten das bislang einzigartige Projekt mit Zurückhaltung.
Vorläufiger Arbeitstitel: "Print 2.0"
Die Leser schreiben zunächst auf einer Internetseite ihre Texte. Die besten davon kommen in die zweimal pro Woche erscheinenden Druckausgaben. Angereichert werden die Blätter mit Texten professioneller Journalisten. Die Zeitung wird mittwochs und samstags in einer Auflage von 125.000 an alle Haushalte im hessischen Landkreis Gießen verteilt - kostenlos. Zu lesen sind darin Berichte, die den Bürgern selbst ein Anliegen sind. Zum Beispiel, dass das Dörfchen Queckborn wieder einen Mini-Supermarkt hat, oder dass der Star des örtlichen Tanzvereins seine Liebste vor den Altar geführt hat.
Mitmachen erlaubt: Das Logo der "Gießener Zeitung". Screenshot: onlinekosten.de
"Unser Arbeitstitel war: Print 2.0", sagt Steffen Schindler, Geschäftsführer der Hitzeroth Druck und Medien aus Marburg (Herausgeber der "Oberhessischen Presse) und Verleger der neu geschaffenen "Gießener Zeitung". Gemeinsam mit dem Druck- und Pressehaus Naumann (Gelnhausen) waren die Marburger auf der Suche nach neuen Wegen für ihre Unternehmen. "Wir haben uns gefragt: Wie sieht die Zukunft der Zeitung aus - und zwar unabhängig vom Abo." Ergebnis der Überlegungen: "Wir wollten eine Mitmach-Zeitung", sagt Schindler.
Bürger als Inhaltslieferanten
60 Prozent der Texte werden von Bürgerreportern gemacht, 40 Prozent von zwei festangestellten Redakteuren und einem freien Mitarbeiter. "Wir besetzen eine Nische, die deutlich oberhalb eines Anzeigenblattes liegt, aber unterhalb der Tageszeitung", erläutert Schindler. Das Mitmachen ist einfach. "Jeder Leser kann sich im Internet als Bürgerreporter registrieren. Er muss allerdings Kontaktdaten angeben, unter denen wir ihn erreichen können." Die werden gebraucht, um zu kontrollieren, dass die Berichte stimmen. Bis Mitte September hatten sich laut Schindler bereits mehr als 400 Bürgerreporter registriert, davon viele im Alter über 50 Jahre.