Man könnte meinen, dass hohe Regierungsbeamte der Vereinigten Staaten eine IT-Infrastruktur zur Verfügung gestellt bekommen, die es ihnen erlaubt, ungestört und auf elektronischem Weg Kontakte zu pflegen. Das ist auch der Fall, doch nicht wenige der Politiker schätzen ebenso den Komfort der privaten E-Mail-Anbieter wie AOL, Google-Mail und Yahoo. So auch die von den Republikanern frisch nominierte Vize-Präsidentin Sarah Palin. Unter der E-Mail-Adresse "gov.palin@yahoo.com" ging sie privaten wie beruflichen Dingen nach; eine leichtsinnige Entscheidung, wie sich nun herausstellt. Denn Sarah Palins E-Mail-Konto wurde von anonymen Aktivisten geknackt und die Inhalte veröffentlicht.
"Anonymous" am Werk
Die Screenshots von Palins E-Mail-Konto tauchten zuerst auf der Website von WikiLeaks auf, die einer Gruppe von selbsternannten Polit-Aufklärern gehört. Hier treibt unter anderem auch das Hacker-Team "Anonymous" sein Unwesen, das erst Anfang des Jahres auf sich aufmerksam machte, als es eine
DDos-Attacke gegen die offizielle Web-Präsenz von Scientology fuhr. Auch im Fall Palin räumte "Anonymous" seine Beteiligung ein. Wie es den Hackern gelungen war, Zugriff auf das Konto der Gouverneurin von Alaska zu erlangen, ist bislang nicht bekannt. Kurz nach Bekanntwerden des Angriffs wurde die gesamte Mitgliedschaft von "gov.palin" auf Yahoo beendet, was Blogger auf dem amerikanischen Kontinent zu allerlei Spekulationen über "Beweisvernichtung" anregte.
"Ich brauche Kraft, um den Job zu behalten."
Doch für kurze Zeit hatte "Anonymous" Zugriff auf Palins E-Mails, das Adressbuch und das private Fotoalbum – Material, das nicht nur bei den republikanischen Wahlkampfleitern den Herzschlag beschleunigen dürfte. Unter den auf WikiLeaks veröffentlichten Dokumenten befindet sich unter anderem ein Briefwechsel mit Amy McCorkell, die im Oktober 2007 von Palin in den Beratungssausschuss für Alkohol- und Drogenmissbrauch berufen wurde. Zuvor war McCorkell nach damaligen Angaben des Büros der Gouverneurin als Privatdetektivin, Büroarbeiterin und Fitness-Trainerin beschäftigt gewesen – was für eher zweifelhafte Qualifikationen für einen Regierungsjob spricht.
"Hey Sarah" - Einblicke in die Korrespondenz einer Gouverneurin. Bild: Gawker.com
So veröffentlichte dann auch die "New York Times" am Ende der vergangenen Woche einen
Artikel, in dem der Verdacht geäußert wurde, dass Palin kurz nach Amtsantritt alte Schulfreunde auf hochdotierte Regierungsposten gehievt hatte. Mindestens fünf sollen es gewesen sein. Die von "Anonymous" veröffentliche Mail gießt nun neues Öl in das Feuer: "Ich lese die Zeitung und schicke meine Gedanken und Gebete zu dir", schrieb McCorkell noch am Sonntag an die Gouverneurin. "Lass die negative Presse dich nicht niederdrücken. Bete auch für mich. Ich brauche Kraft, um 1. den Job zu behalten, 2. nicht wählen zu müssen."
In einem weiteren Mail-Auszug antwortet Palin ihrem Vize Sean Parnell, der sich derzeit gegen den Demokraten Ethan Berkowitz im Kongress durchzusetzen versucht. Darin spricht sie unter anderem über den Radiomoderator Dan Fagan, der sich "widersprüchlich und bewusst irreführend" über Parnell äußert.
"Schockierender Eingriff in die Privatssphäre"
Wie die "Washington Post" berichtet, hat John McCains Wahlkampf-Manager Rick Davis mittlerweile auf den Yahoo-Hack reagiert: "Dies ist eine schockierender Eingriff in die Privatssphäre der Gouverneurin und ein Gesetzesbruch. Die zuständigen Behörden wurden über den Vorfall informiert und wir hoffen, dass jeder, der in Besitz dieser E-Mails ist, sie löschen wird. Darüber hinaus werden wir nichts dazu sagen."