Gefälscht, minderwertig und schlimmstenfalls lebensgefährlich sind ein Großteil der im Internet vertriebenen Medikamente. So lautet das Urteil des European Alliance for Access to Safe Medicines (EAASM), der für eine Studie Arzneimeittel bei über hundert Web-Händlern bestellt hat. 60 Prozent davon wiesen teils massive Mängel auf.
Rezeptpflicht ignoriert
Das Ergebnis: Rezeptpflichtige Medikamente wurden kommentarlos herausgegeben, ohne Rückfrage nach ärztlicher Empfehlung. Alarmierend, illegal und gesundheitsgefährdend, so die Kritik der Experten. Mit einem Anteil von 62 Prozent seinen über die Hälfte der Präparate obendrein nicht nur gefälscht, sondern enthielten keine oder zu wenig Wirkstoffe. "Bei der
Behandlung von Herzkrankheiten oder schweren
Atemwegserkrankungen kann das tödliche Folgen haben", heißt es in einer Pressemitteilung. Hält man in einem seltenen Glücksfall ein Originalprodukt in Händen, fehlt bei 33 Prozent die Patienteninformation, so die Experten weiter. Auch das sei definitiv verboten.
Die meisten Arzneimittelhändler wähnen sich offenbar im rechtsfreien Raum. 96 Prozent arbeiten illegal, nämlich ohne dass auf der Webseite ein Apotheker, eine Kontaktadresse oder ein Firmensitz angegeben ist, heißt es weiter in der Studie. Bei 86 Prozent der Medikamente war das Prüfsiegel auf der Packung gefälscht.
Riskant: Abtreibungspille per Mausklick
In Österreich verweist "Der Standard" auf einen Bericht von BBC Online, wonach Frauen aus Ländern, in denen Abtreibung verboten ist, im Internet fragwürdige Abort-Mittel beziehen. Die Patientinnen landen oft beim Chirurgen, weil die Medizin nicht wirkt oder zu starken Blutungen führt.
Der EAASM fordert Suchmaschinen wie Google und Yahoo auf, Arzneimittel in den Suchergebnissen zu sperren, um Kunden vor gefälschten Medikamenten zu schützen. Wer nicht auf bequemes und kostengünstiges Online-Bestellen verzichten will, sollte sich beim Bundesgesundheitsministerium oder bei seiner Krankenkasse über seriöse Anbieter informieren, so die Fachleute.
Für Internet-Apotheken gilt das deutsche Apothekengesetz und auch ausländische Web-Apotheken müssen sich daran halten, wenn sie deutsche Kunden beliefern.
Der Bundesverband Deutscher Versandapotheken will dem Wildwuchs in der Branche mit einem
Gütesiegel ein Ende bereiten. An dem Zeichen könnten Verbraucher erkennen, ob sie Arzneimittel bei einem seriösen Anbieter bestellen oder nicht.
Ärgernis "Buy Viagra"
Ähnliches gilt für den so genannten
"Pharma-Spam", der unzählige Internet-Nutzer
erreicht und ärgert. Sie tragen Betreffzeilen wie "Buy Viagra" oder "Sell
Cialis" und sollen größtenteils illegale und gefälschte Billig-Kopien von Potenzmitteln und
Medikamenten an den Internet-Nutzer bringen. Offenbar nur allzu oft erfolgreich - sonst
hätten die Spammer ihre Werbung längst eingestellt.
Dabei gerät die Pharma-Industrie selbst ins Fadenkreuz der Kritik.
Die Wirtschaftsinitiative "No Abuse in Internet" (NAIIN) vermisst nicht nur
eine massive Gegenintiative, sondern verdächtigt seriöse Medikamentenhersteller,
an den Werbekampagnen heimlich mitzuverdienen.
Millionenfach Gratiswerbung
Ob auch Original-Produkte über den
Vertriebsweg "Spam" abgesetzt werden, sei nicht belegt. Die Spammer machten jedoch millionenfach Gratis-Werbung auch für die legalen Pharma-Produkte, sagt
Philippe Wacker vom European
Multimedia Forum (EMF).
NAIIN fordert Aufklärung und
fälschungssichere Sicherheitsmerkmale auf den Verpackungen, damit Verbraucher illegale Medikamente leicht erkennen können. Außerdem müsse dem Problem mit konkreten technischen und rechtlichen Maßnahmen zu Leibe gerückt werden.