Samstag, 16.12.2006 10:31

Der Tod kam aus dem Internet

aus dem Bereich Sonstiges
"Lieber im Stehen sterben als im Knien überleben." So habe das Motto eines der Selbstmordkandidaten im Chat gelautet, erinnert sich Kejdi S. vor Gericht. Als eine Art "geschlossene Gesellschaft" beschreibt der 23-Jährige das Internet-Forum, in dem er von November 2004 bis Mai vergangenen Jahres seine Kundschaft aquirierte.

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Mit Todespillen gehandelt

Seine Kunden - das waren potenzielle Selbstmörder, denen er Todespillen verschaffte, verschreibungspflichtige Arzneien wie Luminal und Truxal. Sechs Menschen starben, nachdem sie die Medikamente eingenommen hatten; sieben fielen ins Koma. Ob und vor allem wie sich der 23-jährige S. dabei schuldig gemacht hat, muss seit dem vergangenen Freitag das Landgericht Wuppertal klären.

Schwierige Rechtslage

Der Prozess ist alles andere als ein Routinefall für die Wuppertaler Strafkammer. Die Rechtslage ist längst nicht so einfach, wie sie scheinen mag. Wegen Beihilfe zum Selbstmord kann S. nicht verurteilt werden - diesen Tatbestand kennt das deutsche Strafrecht nicht. Denn Selbstmord ist nicht strafbar, die Beihilfe dazu folglich auch nicht.

Verboten dagegen ist der private Handel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. Deshalb lautete die Anklage der Wuppertaler Staatsanwaltschaft gegen S. auf Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz - und zwar in einem besonders schweren Fall. Dadurch droht ihm eine mehrjährige Haftstrafe. Ob sich die Ankläger mit dieser Taktik beim Gericht durchsetzen werden, bleibt allerdings abzuwarten. Denn auch die Richter um den Kammervorsitzenden Ralph von Bargen betreten mit dem Prozess juristisches Neuland.

Suizid-Foren im Internet

Bei seiner Urteilssuche dürfte das Gericht nicht umhinkommen, einen tiefen Blick in die verstörende Welt der Suizid-Foren im Internet zu werfen. Die Chat-Beiträge hätten ihn seinerzeit in eine virtuelle Welt entführt und ihm den Blick auf die Wirklichkeit verstellt, versichert S. zu Prozessbeginn. Die teilweise mit großem Ernst geführte Diskussion der Chat-Teilnehmer über die beste Selbstmord-Methode sei ihm durchaus folgerichtig erschienen - mit der Konsequenz, dass sich für ihn das Thema "versachlicht" habe.
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