Das hält die Mitarbeiter in zahlreichen Firmen und Behörden nicht davon ab, weiter fleißig zu kopieren, Adressen herauszusuchen, die Briefe zu frankieren und zu verschicken. "Wir wollten etwas Nettes tun", sagt die Mitarbeiterin eines Unternehmens, das sich ebenfalls an der Kette beteiligt hat. "Unsere Firma engagiert sich auch sonst in sozialen Bereichen, zum Beispiel Jugendarbeit". Obwohl sie die Geschichte des kleinen Patienten bereits seit Jahren kennt, hat sie nicht weiter darüber nachgedacht - und den Brief an 10 Adressen weiter geleitet.
Weite Kreise
Auch Mario Kamp, Verkaufsleiter eines Realkauf Möbelhauses, zweifelte nicht an der Echtheit der Story. Ein ihm vertrauter Verbandskollege habe ihm die Bitte des Jungen weitergeleitet. Den Kettenbrief fortzuführen sei nur ein kleiner Aufwand, mit dem man jemandem eine große Freude bereiten könne. Kamp ist nicht allein. Auch Mitarbeiter namhafter Einrichtungen wie das ZDF und das Bunderverfassungsgericht sind nach Medienberichten bereits auf den Kettenbrief hereingefallen.
Doch mit einem Eintrag im Guinness-Buch wird es so schnell nichts werden. Die Redaktion des Rekord-Werkes akzeptiert derartige Rekorde seit dem Fall Craig Shergold im Jahr 1989 nicht mehr. Der damals 9-jährige Engländer litt unter einem Gehirntumor und wollte mit der größten Grußkarten-Sammlung ins Guinness-Buch der Rekorde kommen. Die Eltern des schwer kranken Jungen starteten einen Kettenbrief, der in Variationen noch bis heute existiert und inzwischen auch durchs Internet geistert.
250 Millionen Briefe
Anders als unser fiktiver Junge ist Craig echt. Und er bekam seinen Eintrag: Innerhalb eines Jahres erhielt er etwa 16 Millionen Postkarten. Doch auch nach dem erfolgreichen Eintrag verebbte die Postkartenflut nicht. Zwei Jahre später und mit einer Sammlung von mittlerweile 50 Millionen Karten bekam der Junge Hilfe. Der amerikanische Millionär John Kluge entdeckte den inzwischen berühmt gewordenen Jungen, finanzierte ihm eine Operation und Craig Shergold wurde geheilt.
Doch die Postkarten kommen weiter. 1997 überschritt Craigs Sammlung die 250-Millionen-Grenze. Weder ein Umzug noch eine eigene Postleitzahl konnten die Kettenreaktion unterbrechen. Immer noch gehen täglich hunderte Briefe auch an die Childrens Wish Foundation in Atlanta (USA), wo sie in einem Recyclingbetrieb landen. Das ist auch der Weg, den unser Kettenbrief gehen sollte: Direkt ins Altpapier. Das spart Porto, und dem Krankenhaus Tulln eine Menge Arbeit. Craig Shergold weiß, was auf die österreichische Klinik zurollt: Noch immer kriegt er täglich tausende Briefe.