Was findet man nicht alles in seinem Posteingang: Von potenzsteigernden Pillen, über Super-Sonderpreise und Warnungen vor angeblichen Viren bis hin zu Phishing-Versuchen tummelt sich eine Menge Mail im Postfach, die nicht ganz koscher ist. Besonders beliebt ist auch die Variante Kettenbrief mit rührseliger Geschichte. Sie schummelt sich schon mal gekonnt am Spam-Filter des E-Mail-Programms vorbei und kommt einfach per Post. Auch der Redaktion flatterte jüngst ein großer Umschlag ins Haus, tränenträchtiges Kinderschicksal inklusive.
Eine unwahre Geschichte
In dem seit etwa sechs Jahren kursierenden Kettenbrief geht es um den Wunsch eines krebskranken Jungen, der angeblich im Landeskrankenhaus Tulln (Niederösterreich) liegt. Der 7-Jährige wünsche sich, durch die vielen Briefe ins Guinness-Buch der Rekorde eingetragen zu werden. Wie üblich bei Kettenbriefen soll die gesamte Zettelwirtschaft, die getackert beiliegt, kopiert und an zehn weitere Adressen geschickt werden.
Leider ist daran kein Wort wahr, dem ungenannten Dreikäsehoch kann nicht geholfen werden. Denn wie das Krankenhaus bestätigt, gibt es den Patienten gar nicht, und es hat ihn auch nie gegeben. Trotzdem schlägt sich die Landesklinik Tulln seit sechs Jahren mit Bergen von Post herum. "Wir bekommen bis zu 100 Briefe pro Tag", sagt eine Mitarbeiterin des Krankenhauses. Das Öffnen der Post dauere dadurch fast eine Stunde länger als in der Zeit vor der Spam-Flut.
Briefwelle rollt an
Um die Briefwelle zu stoppen, versucht das Krankenhaus, potenzielle Briefschreiber zum Beispiel mit entsprechenden Zeitungsartikeln aufzuklären. Bisher ohne durchschlagenden Erfolg. Die Aktion zieht immer weitere Kreise, mittlerweile ist der Brief auch im Ausland angekommen. Wie die Mitarbeiterin der Klinik berichtet, meinen es einige Briefeschreiber besonders gut. Sie leiten den Kettenbrief nicht nur an zehn, sondern gleich an bis zu 100 Kontakte weiter.
Wer kann schon einem krebskranken Kind den sehnlichsten Wunsch abschlagen? Offenbar gelingt es nicht allen, mit tränenverschleiertem Blick die schnöde Wahrheit zu erkennen: Bei dem Kettenbrief handelt es sich um einen Hoax (Scherz, Falschmeldung), der auch bei den Spam- und Betrugsexperten der
TU Berlin schon längst aktenkundig geworden ist.