Samstag, 24.09.2005 08:31

Harry Potter für Schwule

aus dem Bereich Sonstiges
Welche gefährlichen Abenteuer muss Harry Potter diesmal bestehen? Welcher Mitschülerin gibt er den ersten Kuss? Schafft er es, den bösen Voldemort endgültig zu besiegen? Die Antworten auf solche Fragen brennen den meisten Harry-Potter-Fans vor dem Erscheinen des sechsten Bandes unter den Nägeln. Eine große Fan-Gemeinde des Zauberlehrlings aber interessiert nichts weniger als das. Sie malen sich stattdessen aus, wie Harry, endlich erwachsen, die Zauberschule Hogwarts verlässt - und seine Neigungen in einer schwulen Lebensgemeinschaft mit seinem Erzfeind Draco Malfoy auslebt.

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Harry mal anders

"Dracos warmer Atem strich ihm über den Nacken. In Harrys Armen entspannte sich sein Körper ganz langsam, als ob er diese Position nie wieder verlassen wollte. Harry merkte, dass dies der Augenblick war, in dem er sich so wohl fühlte wie noch nie in seinem ganzen Leben." Solche Sätze schreibt natürlich nicht die Autorin der Harry-Potter-Romane, Joanne K. Rowling. Solche Sätze schreiben anonyme Autoren und stellen sie ins Internet. "Fanfiction", kurz Fanfic, heißt dieses Genre: Millionen von Geschichten gibt es, jeder Schreiber hat seinen eigenen Lieblingscharakter aus Büchern, Fernsehserien, Filmen, zu dem er seine ganz privaten Phantasien spinnt. Das reicht von Hamlet bis Mickey Maus, von kurzen Dialogen zwischen Randfiguren bis hin zu kompletten Romanen. Und für Hunderttausende weltweit ist dieser Lieblingscharakter eben Harry Potter.

Geschichten selber spinnen

Die Seite sugarquills.net zum Beispiel hat sich ausschließlich Harry Potter verschrieben. Leute aus der ganzen Welt schicken ihre erfundenen Geschichten. "Für die meisten von ihnen ist es einfach aufregend, etwas zu schreiben, das auch gelesen wird und zu dem es sogar eine Reaktion von Online-Rezensenten gibt", sagt Jennie Levine, die sugarquills mit ins Leben gerufen hat. Möchtegern-Autoren finden ein fertiges Universum mit genau definierten Charakteren vor: "Das ist ein guter Ausgangspunkt. Wir hoffen, dass es ein Sprungbrett für Leute ist, die einmal ihre eigenen Geschichten schreiben", sagt die 33-jährige Bibliothekarin, die an der Universität von Maryland arbeitet.

Wer könnte mal mit wem

Sugarquills passt genau auf, welche Geschichten auf der Seite stehen bleiben. 25 Freiwillige zensieren die Stories. Viele Fanfic-Autoren sind nämlich Kuppler: Sie sind allein darauf aus, zwei Charaktere miteiander zu verbändeln. Das akzeptieren die sugarquills-Zensoren - solange diese Kuppeleien in die Harry-Potter-Geschichten passen und sich nicht im drastischen Detail verlieren. "Wenn sie es auf dem Sofa treiben, fliegt es 'raus", sagt Levine bestimmt.

Andere Seiten sind da anders. Der Zweck der Seite restrictedsection.org zum Beispiel besteht allein darin zu beschreiben, wo, wann, mit wem und vor allem wie sie es tun. "Ich finde, es ist nicht meine Aufgabe zu bestimmen, wie die Leute ihren Kick kriegen", sagt Vikki Dolenga, die restrictedsection.org 2002 gegründet hat. Die 34-jährige Kundenberaterin einer Datenverarbeitungsfirma in Chicago findet, dass die Geschichten auf der Seite "erotisch" sind und nicht pornografisch. 200.000 Mal am Tag wird die Seite angeklickt.

Pärchenbildung aller Couleur

Besonders oft werden homosexuelle Paarungen von eigentlich klar heterosexuellen Charakteren beschrieben - wie eben eine Liason zwischen Harry und Draco. Solche Geschichten tauchten erstmals Mitte der 70er Jahre auf: heiße Phantasien über eine Beziehung zwischen Captain Kirk und Mr. Spock im Raumschiff "Enterprise".

Die Erfinder der Figuren sind natürlich nicht so glücklich mit diesen Geschichten. Anne Rice zum Beispiel, die Autorin der Vampir Chroniken, schrieb auf ihrer Website: "Die Charaktere sind gesetzlich geschützt. Es regt mich total auf, auch nur an Fanfiction mit meinen Figuren zu denken." Joanne K. Rowling ist da gelassener, solange die Stories der Fans nicht gewalttätig, gotteslästerlich oder sexuell freizügig sind. Seiten wie restrictedsection.org haben zwar schon viele Unterlassungserklärungen bekommen, können aber einfach weiterbetrieben werden, wenn sie den Zugang über Passwörter für unter 18-Jährige sperren. "Wir sind immer noch da", triumphiert Vikki Dolenga - "obwohl wir bestimmt nie einen Preis für die beste Potter-Geschichte im Netz gewinnen werden."
Aleksandra Leon / afp
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