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Ansichten eines DAU: T-Debil

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Es klingelt. Einmal, zweimal - ich hebe ab. „Schönen guten Tag, willkommen bei T-Mobil, mein Name ist Dirk Anton Ulmer, was kann ich für Sie tun?“ Maik Enrico Wöhler aus dem T-Punkt Gera möchte wissen, ob sein Kunde schon „freigeschalten“ ist.

Ich überlege kurz, ob ich ihn auf seine kleine grammatische Unzulänglichkeit ansprechen soll und entscheide mich dagegen. „Kann er denn schon telefonieren, Herr Wöhler?" "Nuh", sagt Herr Wöhler und ich stehe vor einem dicken Problem. Was zum Teufel soll denn bitte „nuh“ heißen? Ja? Nein? Yup? Weiß nicht?

Die Kluft zwischen Ost und West: Wir verstehen uns einfach nicht!
Kann ich mir leisten noch mal nachzufragen, ohne dem Ost-T-Punkt-Mann eins mit der Besserwessi-Klatsche zu verpassen? Ich schwitze, versuche's mit brachialer Umkehrlogik: „Also der Kunde kann noch nicht telefonieren!“ Hoffnung auf ein Ja... Antwort in Gera: „Nuh, sag ich doch.“ Da ist sie wieder die Kluft zwischen Ost und West - wir versteh'n uns einfach nicht; noch nicht mal am Telefon. Geheimes Memo von mir: Nach Gera fahren und den T-Punkt sprengen…

Sie haben mir also tatsächlich einen Vertrag gegeben. Für rund 8,50 € die Stunde mache ich Telefonberatung beim Drahtlos-Ableger vom rosa Riesen, für End- und Geschäftskunden, wie sie das hier nennen. Und ich muss zugeben: Ich bin mit Vollprofis unterwegs…

Zuerst das Einstellungsgespräch: Dämliche Fragen, ein par mal „hm“ und „hmja“ auf ebenso dämliche Antworten von mir und klatsch – der Vertrag ist in der Tasche. Zwei Wochen setzen sie mir jemanden zur Seite, der mich zum „Aktivierer“ ausbildet. Zwei Wochen bekomme ich beigebracht, wie man Leuten verkauft, dass ihre Karten noch nicht „freigeschalten“ sind. Sprachregelung: Wie man's nicht macht
Dabei haben sie hier bei T-Mobil ganz eigene Sprachregelungen entwickelt. Begrüßung: „Schönen guten Tag, wie kann ich ihnen helfen“. Probleme und Konkurrenten gibt’s nicht, stattdessen „Situation“ und „Mitbewerber“. Extrem wichtig: Den Namen des Gesprächspartners am Anfang nennen, in der Mitte und am Ende. Hat der Kunde Schufa-Einträge, kann er "aus Bonitätsgründen" nicht angenommen werden. Ist er im Moment staatenlos, will ihn T-Mobil auch nicht. Immer verständnisvoll, immer nett und das ganze mit „vielen Dank für Ihren Anruf bei T-Mobil“ beenden – so rund 100-mal am Tag…

Lustig wird’s immer dann, wenn der Prüfer mal kurz weg ist und wir „studentischen Hilfskräfte“ machen können, was wir wollen. "Tach, Herr Müller-Lüdenscheidt, was gibt’s. Ah, ja, sie haben also ein Problem. Mit wem? Ah, mit D2 – ja, da müssen sie wissen, die sind einer unserer schärfsten Konkurrenten. Und warum wollen die sie nicht, Herr Müller-Langenscheidt? – So, so, Bonitätsgründe und keine Staatsangehörigkeit. Tja, also als vaterlandsloser Pleitier werden sie bei uns wohl ebenfalls keine Chance haben, Herr Meier-Langenfeld. Tschö!“ Wobei ich hier jede Verantwortung für die Talfahrt der T-Aktien strikt von mir weise…

Onlineseminar: Von Ikea-Tanten und lustigen Wurfbällen
Nach knapp einem halben Jahr offiziell guter Führung bilden sie dich dann in einem Wochen-Seminar zum „Berater“ aus, so werden hier die Chef-Telefonierer genannt, die alles machen, alles können, alles wissen. Der Seminarraum: Ein Konferenz-Zimmer mit Tischen in Hufeisenform wie in der Schule. 20 Hansels, die bei Cola und Keksen Frau Samenström aus Schweden gebannt an den Ikea-Lippen hängen. Wir werfen uns einen lustigen Gummiball zu. Jeder, der ihn fängt, muss sich vorstellen und dumme Fragen beantworten. Es ist wie früher: Die Mädchen fangen wieder nichts und wir Kerle tragen die Sache mit der „Ich-werf-härter-als-wie-du“-Methode aus. Nach drei Minuten fliegt der Ball mit Vollbeschleunigung meinem überschminkten weiblichen Gegenüber mitten ins Gesicht. Knatschen, Tränen, die Sache artet aus… Tja, jetzt sitze ich also hier. Die Ikea-Tante war gnädig und irgendwie konnte ich alle Schuld an dem Wurf ins Make-Up-Paradies völlig von mir weisen. Um mich herum ehemalige Gemüsefachverkäufer, abgebrochene Soziologie-Studenten mit transzendentaler Tibet-Erfahrung und blondierte Hausfrauen mit den alltäglichen Putz- und Babyproblemen. Was sie alle eint? Sie sehen fast durch die Bank bescheiden aus, aber sprechen mit Engelszungen. Gerade deshalb arbeiten sie ja im CallCenter. Und sie verstehen sich prächtig: Erst vorgestern hat die angejahrte Hausfrau mit zwei Kindern den lederbewesteten Gemüseheini aus meiner Abteilung geheiratet.

Ich sehe Robert T. Online und denke an Sex!
„Ich auch“, sage ich mir, betrachte das spastische Gezuckel von Robert T. Online auf meinem Bildschirmschoner und man glaubt es kaum: Ich denke an Sex! An Sex mit Vanessa. Irgendwo in meinem Großraumbüro sitzt sie und flötet mit einer blattgoldenen Stimme in ihr Headset, gegen die Herzblattansagerin Susi wie ein abgenutztes Reibeisen klingt.

Vanessa und ich telefonieren oft - kein Wunder, ich stelle ja auch andauernd meine Probleme zu ihr durch. Wenn Vanessa so aussieht wie sie klingt, muss irgendwo in diesem Raum meine Traumfrau sitzen: Blond, zart, gebildet und mit sozialer Ader. Wie viele von den Jungs hier war auch sie in Asien – beim Kinderhilfswerk in der Mongolei.

Wird Zeit, endlich meiner Traumfrau zu begegnen, denke ich und mache mich weg von meinem Headset, Vanessa besuchen. Fix einen dieser „Teamleiter“ nach ihr gefragt, die Richtung erklärt bekommen und los. Ich komme, mein Engel! Noch drei Trennwände, noch zwei, noch eine – ich bin da… und will gleich wieder weg: Vanessa – im Nest der Königspython
Vanessa hängt vor mir. Auf einem Stuhl, der mir jetzt schon leid tut. Schlagartig wird mir klar, warum auch dieser Engel nicht zum Fernsehen, sondern ins Call-Center gegangen ist. Vanessa bringt das Kampfgewicht eines ausgereiften Sumoringers auf die Waage, Vanessa ist grottenhäßlich und vor allem: Vanesse stinkt. Irgendwas zwischen Nuttendiesel und Eau de Porc. Und was das Kinderhilfswerk in der Mongolei betrifft: Dass ich nicht lache. Eher Kinder gefressen als geholfen, was? Schlange, Natter - nein, Königspython, elende. Wie konntest Du mich so täuschen? Ich muss weg...

Ein paar Jahre später:
Inzwischen bin ich nicht mehr bei T-Mobil. Kurz nach besagtem Tag habe ich irgendwann gekündigt. Die Vorstellung, täglich mit wahrscheinlich hunderten von nach Nuttendiesel stinkenden Fleischbergen in den T-Punkten dieser Nation zu reden, war mir unerträglich. Aber wahrscheinlich hätten sie mich über kurz oder lang sowieso rausgeschmissen. Übrigens der einzige, der dort tatsächlich flog ist nun mein Chefredakteur und auf dem besten Wege, auch das nächste Unternehmen in Grund und Boden zu wirtschaften. Vielen Dank für Ihren Anruf bei T-Mobil…

*Namen, Firmen und Geschehnisse in diesem Artikel sind natürlich komplett erlogen. Die volle Wahrheit gibt’s kostenlos in Ihrem T-Punkt… ;-)

(Dirk Anton Ullmer)

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