News

Alltagstest: Sechs Wochen mit dem neuen Apple iPad

Abgesehen von der mageren Schnittstellenauswahl und der fehlenden Speichererweiterung schnitt das neue iPad von Apple in unserem Test gut ab. Doch wie schlägt sich der Tablet-PC auf die Dauer im Alltag? Wir haben weiter getestet und auch Macken bemerkt.

Apple© Apple

Seit dem 16. März tritt Apple mit dem dritten iPad gegen die wachsende Konkurrenz der Androiden an. Wir haben den neuen Tablet PC mit Dual-Core-Prozessor und Retina-Display im iPad Test bereits ausführlich unter die Lupe genommen und wie die Geräte in unseren anderen Tablet PC Tests hinsichtlich Darstellungsqualität, Performance und Akkulaufzeit geprüft. Doch wie schlägt sich der Tablet PC auf die Dauer im Alltag? Wir haben den Check verlängert und dabei positive wie negative Erfahrungen gesammelt.

Ungetrübte Display-Freude

Der größte Pluspunkt vorweg: Das Display überzeugt nach wie vor. Viel zu schnell hat man sich an die scharfe Darstellung gewöhnt und nimmt die sichtbaren Pixel auf anderen Tablet-Touchscreens oder Smartphones stärker wahr als zuvor. Wer ebenfalls mit einer besonders hohen Auflösung liebäugelt, aber nicht zu iOS wechseln möchte, darf sich daher auf die Full-HD-Tablets mit Android freuen, die Hersteller wie Acer, Asus und Huawei angekündigt haben.

iPad als Radio-Ersatz

Auch am Lautsprecher-Sound gibt es nach intensiver Probezeit nichts zu beanstanden. Internetradiosender im Hintergrund, Musik-Streaming-Dienste und auch Filme müssen nicht zwangsläufig über die Ohrhörer ausgegeben werden – der Sound ist klar und laut genug. Nichtsdesotrotz ist es bei der Tablet-Konstruktion nicht unbedingt von Vorteil, die Lautsprecher-Öffnung auf die Rückseite zu verfrachten. Auf den Tisch gelegt oder mit dem Smart Cover aufgestellt, klingt das iPad zwar trotzdem gut, hält man es fest, kommt es aber immer wieder vor, dass die Hände den Lautsprecher verdecken und dadurch dumpf erklingen lassen.

Browser: Neun Tabs sind zu wenig

Ein paar kleine Schatten sind zwischendurch über die Performance gezogen. In den ersten Stunden und Tagen sporadischer Nutzung offenbarte das neue iPad keine Makel, mit der Zahl der Surf-Stunden und Webseiten-Inhalte steigt aber natürlich auch die Chance, über einen Fehler zu stolpern. So ist es uns bis jetzt zweimal passiert, dass der Safari-Browser (über WLAN) nach der Rückkehr aus dem Standby-Modus nicht mehr alle Tabs der letzten Sitzung anzeigte. Zwar lassen sich die besuchten Seiten über den Verlauf oder durch Gedrückthalten des +-Symbols flott zurückholen, dennoch hat uns der sang- und klanglose Abschied gewundert. Dass Safari sich an einem Web-Inhalt derart verschluckte und nicht mehr reagieren wollte, kam nur einmal vor, ließ sich aber auch nicht reproduzieren, sodass uns die Gründe unbekannt bleiben.

Wer sich auf dem PC oder Notebook dank großer RAM-Kapazität daran gewöhnt hat, immer neue Tabs zu öffnen statt alte zu schließen, muss sich beim iPad übrigens eine neue Strategie aneignen. Mit maximal neun Tabs stößt man in Safari unter iOS5 schnell an die Grenzen. Gerade der permanente Verbleib im Standby lädt aber zum verschwenderischen Umgang mit Tabs ein. Abhilfe verschafft nur ein alternativer Browser aus dem App Store – wie Terra oder der Dolphin Browser. Opera Mini ist hingegen eine weniger gute Wahl, da die Adressleiste und Kontextmenüs auf dem hochauflösenden iPad-Display arg klein dargestellt werden.

Stabile WLAN-Verbindung, aber Probleme mit mobilem Datenverkehr

Dass das iPad ungewöhnlich heiß läuft, konnten wir weder im ersten Test noch im Dauerbetrieb feststellen. Festzuhalten bleibt: Im 3G-Betrieb wird es aber deutlich wärmer als in WLAN-Netz.

Sehr positiv ist uns die WLAN-Stabilität aufgefallen. Das iPad haben wir in den sechs Wochen – den Neustart nach dem Browser-Absturz ausgenommen – kein einziges mal komplett ausgeschaltet und es war jederzeit unmittelbar online, sobald wir es aus dem Standby holten. Auch zwischendurch ist es nicht zu Verbindungsabbrüchen gekommen.

Ganz andere Erfahrungen sammeln iPad-Nutzer offensichtlich mit dem UMTS-Empfang. In Apples Support-Forum finden sich seitenlange Threads, in denen Mobilfunkkunden von Verbindungsproblemen ihres iPad WiFi + 4G berichten. Insbesondere der Wechsel vom WiFi- zum 3G-Empfang scheint Probleme zu bereiten. Es finden sich aber auch Anwender, die von Empfangsstörungen auf Reisen, zum Beispiel im Zug, berichten. Obwohl in der Statusleiste Verbindungsbalken dargestellt werden, lasse sich keine Internetverbindung herstellen. Erst das manuelle Ab- und wieder Einschalten des mobilen Datenempfangs oder Neustarten des iPads bringt den Berichten zufolge eine Besserung. Dabei scheint das Problem keinem konkreten Netzbetreiber zuzuordnen zu sein: Die Foren-Einträge stammen aus verschiedenen Ländern und erwähnen unterschiedliche Anbieter. Hierzulande sind sowohl im Telekom-Forum als auch in der Community von Vodafone entsprechende Hinweise zu finden.

Unsere Erfahrungen

Unser Test-iPad wurde mit einer Micro-SIM-Karte von der Telekom betrieben und der Mobilfunkempfang im Ruhrgebiet, in Köln und in Frankfurt getestet. Einmal eingebucht, war die Verbindung stabil - auch an verschiedenen Punkten, die wir innerhalb eines Ortes angesteuert haben. Bei einer Zugfahrt in eine andere Stadt sammelten wir zweierlei Erfahrungen: einmal blieb die Verbindung erhalten, auch nach Tunneln, und ein anderes mal verlor das Tablet zweimal seine 3G-Verbindung und stellte sie auch nicht wieder her. Den Mobilempfang aus- und einzuschalten brachte keine Verbesserung, ein Wechsel zum WLAN-Modus und retour ebenso wenig. Erst nach einem Neustart beziehungsweise Aufrufen des Flugmodus fand das iPad wieder Anschluss. Ein Umswitchen von WLAN zu 3G im Heimnetzwerk beeinträchtigte die Konnektivität hingegen nicht.

In ihren FAQ schreibt die Deutsche Telekom dazu: "Es ist bekannt, dass derzeit in bestimmten Regionen und in seltenen Fällen Verbindungsprobleme beim iPad neu Wi-Fi + SIM auftreten. Gemeinsam mit dem Netzwerk-Infrastrukturhersteller sowie Apple Research & Development wird intensiv an der Ursachenforschung gearbeitet, um schnellstmöglich eine Lösung anzubieten." Einige Nutzer haben eigenen Angaben zufolge bereits ihr iPad austauschen lassen, die Schwierigkeiten bestünden jedoch weiterhin.

Wer aus der Android-Gemeinde zum iPad wechselt, muss sich hier und da umstellen. Die Lieblings-Anwendungen, die auf dem Android-Smartphone oder -Tablet einen festen Platz gewonnen haben, stehen nicht zwangsläufig auch für iOS bereit. Darüber hinaus fällt es mitunter schwer, zu kostenlosen Android-Apps ein passendes Pendant für das iPad zu finden. Wir haben diese Erfahrung zumindest bei Wörterbüchern in Fremdsprachen und Mediaplayern gemacht. Auch ein Wetter- oder Nachrichten-Widget wird so mancher Nutzer schmerzlich vermissen. Zusammengefasst macht die große App- und Content-Auswahl aber vieles wieder wett.

Immer mehr Apps für das Retina-Display

Nach und nach bauen mehr App-Entwickler ihre iPad-Programme für das 2.048x1.536 Bildpunkte starke Display um. Waren zum Testzeitpunkt noch keine 20 Spiele in Apples Sammlung für die dritte iPad-Generation im App Store verfügbar, ist die Zahl mittlerweile (Stand 27. April) auf 33 Stück gestiegen. Insgesamt stehen damit fast 100 Apps bereit, die sich explizit als geeignete Ware für das dritte iPad ausweisen. Auch ältere und noch nicht angepasste Apps laufen auf dem neuen Modell. Abgesehen von zu kleiner Schrift, verschobenen Buttons oder pixeligen Bildern sind uns dabei im Großen und Ganzen keine Schwierigkeiten aufgefallen. Eine Ausnahme ist das Spiel MetalStorm: Wingman. Direkt am iPad gespielt, verhält es sich fehlerfrei, sobald es aber via AirPlay und Apple TV auf den Fernseher ausgebreitet wird und auf dem iPad nur noch das Cockpit zu sehen ist, treten Darstellungsfehler auf: Der Bildhintergrund wurde offenbar in fester Größe hinterlegt, ist daher auf dem pixeldichten Display viel zu klein und wird mehrfach wiederholt. Ärgerlich, da im App Store der Hinweis "Verbesserte Grafiken für das neue iPad" prangt. Hier muss der Anbieter nachbessern.

Die iPhone-Versionen sehen bei zweifacher Vergrößerung aufgrund der höheren Pixeldichte auf dem iPad der dritten Generation sogar besser aus als auf dem iPad 2, oftmals haben die Entwickler aber keine Rotation vorgesehen, was insbesondere dann hinderlich ist, wenn das iPad mit dem Smart Cover aufgestellt wird. Ein gutes Beispiel ist die Spotify-App, die bislang nicht als iPad-Version erschienen ist und partout hochkant bedient werden will.

Datentransfer: (Zu) viele Wege führen nach Rom

Mit der gestochen scharfen Darstellung und der hohen Detailstufe hat sich das neue iPad in unserem Test einen Verweis auf einen für Fotofans geeigneten Tablet-PC geangelt. Apps wie 500px auf dem iPad zu betrachten, macht einfach Spaß. Auch die Möglichkeit, in iPhoto, Apples kostenpflichtiger Bildbearbeitungs-App, von RAW-Bildern immerhin die JPG-Variante anzeigen zu können, ist für Nutzer, die in beiden Formaten fotografieren, sehr zweckmäßig. Mangels Kartenleser akzeptieren Fotofreunde aber am besten schon im Vorfeld, dass sie ihre frisch geknipsten Bilder ohne PC oder Mac und iTunes nur mit dem separat erhältlichen Camera Connection Kit (29 Euro) übertragen können. Leider ist der Datentransfer eine Einbahnstraße. Als Methode, um Bilder oder andere Daten bequem hin- und herzuschieben, ist das Kit also nicht geeignet.

Über iTunes können nur Fotos vom Rechner auf das iPad geschoben werden, zurück funktioniert das Ganze – zumindest mit der vorab installierten Fotoanwendung – nicht. Lediglich in iPhoto für 3,99 Euro findet sich der Menüpunkt, Fotos in iTunes bereitzustellen. Am Computer können sie dann später über den Reiter Apps und den Punkt Dateifreigabe auf der Festplatte gesichert werden. Ohne iTunes ist auch ein einfacher Import über den Windows-Explorer möglich. Mit einem Android-Tablet wäre das ohnehin die erste Wahl, doch mit dem mit iTunes und der iCloud verzahnten iPad ist es ungewohnt, zumal das Tablet eine Ordnerstruktur anlegt, die gelinde gesagt wenig aussagekräftig ist. Statt die Bilder in Ordner einzusortieren, die entweder die gleiche Bezeichnung tragen wie auf dem iPad (wie "Aufnahmen" und "alle importierten") oder zumindest eine Datumsangabe in sich tragen, entscheidet sich Apple für kryptische Kombinationen aus Buchstaben und Zahlen. Wer sich nicht durch Dutzende Ordner klicken möchte, um das gewünschte Bild zu finden, weicht lieber auf die Windows-Suche und *.* aus. Auf einem Mac ließen sich bearbeitete Fotos auch über die Desktop-Version von iPhoto übertragen, was sicherlich angenehmer ist. Bei der Weiterleitung per E-Mail geht Qualität verloren: Eine knapp 4 Megabyte (MB) große Aufnahme stampfte die E-Mail-Anwendung des Tablets bei fast identischen Maßen auf 1,2 MB zusammen.

Noch eine kleine Randnotiz aus unseren Erfahrungen mit Apps im Bereich Fotografie: Die simple Aufgabe, ein Bild auf dem iPad auf eine bestimmte Größe wie zum Beispiel 200x300 Pixel zuzuschneiden, endete in einer kleinen Odyssee durch den App Store, Foren und verschiedenen App-Installationen. Die Foto-Anwendung und auch iPhoto ermöglichen zwar, die Größe anzupassen und Fotos zu trimmen, erlauben aber nur Formate und keine absoluten Werte auszuwählen. Unverständlich, wo doch weitaus anspruchsvollere Arbeiten problemlos zu bewerkstelligen sind.

Positiv stimmt hingegen der Einsatz als E-Book-Reader. Leser, die Reader mit matten Bildschirmen und E-Ink-Technologie bevorzugen, die das iPad auch bezüglich der Akkulaufzeit ausstechen, werden von dem glänzenden Touchscreen vielleicht wenig begeistert sein. Die farbige Anzeige, die Hintergrundbeleuchtung und die besonders scharfe Darstellung hat jedoch ihren Reiz. Um die Lese-Anwendung erst einmal auszuprobieren, empfiehlt sich der Download von Gratis-Büchern in iBooks. Dort stehen Dutzende Inhalte wie beispielsweise Klassiker wie Romeo & Julia bereit. Der Haken: Das 652 bis 662 Gramm auf die Waage bringende iPad ist für ausuferndes Schmökern zu schwer. Wer länger liest, packt es am besten auf den Tisch oder zumindest auf den Schoß.

Glück hat, wer weitere Apple-Produkte besitzt

Praktisch ist es außerdem, wenn ein Apple TV vorhanden ist. Zusammen mit der kleinen Content-Box, die wir ebenfalls getestet haben, lassen sich Fotos, Videos oder der gesamte Bildschirminhalt auf dem iPad per AirPlay schnell und einfach auf den Fernseher bringen. Doch wie bei der Datenübertragung steckt der Teufel im Detail. Inhalte, die auf dem Apple TV gemietet wurden, lassen sich nur dort wiedergeben und nicht mit aufs iPad nehmen, um beispielsweise einen Film in der Küche weiterzuschauen. Nicht ganz einfach ist es zudem mit Videomaterial. Die Liste der Formate, die das iPad nicht unterstützt, ist deutlich länger als die Liste der Videoinhalte, die direkt abspielbar sind. Wer entsprechendes Material wiedergeben möchte, muss auf Streaming-Apps für PC und iPad oder Converter umschwenken, die Clips vorab auf dem Rechner in ein passendes Format umwandeln.

So gut wie gar nicht genutzt haben wir die Kameras. Sollte das Tablet unterwegs doch mal die einzige Möglichkeit darstellen, ein Foto aufzunehmen, mag es schön sein, dass Apple die Qualität der rückwärtigen Kamera verbessert hat. Ein Smartphone oder eine Digicam sind aber sicher angenehmer zu benutzen als das große iPad mit dem Auslöser auf dem Touchscreen.

Spracheingabe: Mal top, mal Flop

Die Diktierfunktion beziehungsweise Spracheingabe des iPad bleibt derweil ein Feature mit zwei Gesichtern. Werden ganze Sätze herangezogen, schlägt sie die Spracheingabe von Android um Längen. Ganz anders sieht es bei kurzen Suchanfragen aus. Das iPad spricht offenbar am liebsten Deutsch und weigert sich gelegentlich englische Ausdrücke zu verstehen, die auch im deutschen Sprachgebrauch üblich sind. Ob "Tablet", "iPad" oder "McDonalds", mal weiß das iPad was gemeint ist, und mal werden "Albrecht", "iPod" oder "Mac Donnels" daraus. Je deutlicher die Aussprache und je leiser die Umgebung, desto treffsicherer die Umsetzung. Dass Siri als vollständiger Sprachassistent nicht den Weg aufs iPad gefunden hat, ist und bleibt schade.

Fazit: Top-Tablet, doch iTunes kann nerven

Die schon auf den ersten Blick gute Verarbeitung des iPad kann auch nach Wochen noch überzeugen. Unser Exemplar weist noch keinerlei Kratzer auf, obwohl wir die Rückseite nicht mit einer Hülle geschützt haben und das Tablet über verschiedene Tische und Oberflächen gewandert ist. Zumindest für den Touchscreen empfiehlt sich aber sicherheitshalber eine Abdeckung, auch deshalb, weil das Display dann nicht zum Staubfänger wird.

Wie bei anderen Anschaffungen offenbaren sich auch beim neuen Apple iPad die kleinen Schwächen und nervigen Marotten erst nach und nach. Der Gesamteindruck bleibt zwar absolut erfreulich und das Display-Vergnügen wurde noch kein bisschen geschmälert. Apples System erweist sich aber hier und da als inkonsistent und beharrlich. So lassen sich zum Beispiel in iTunes auf dem Rechner Podcasts abonnieren, auf dem iPad aber nicht. Und dass sich der Foto-Transfer auf das iPad grundlegend von seinem Rückweg unterscheidet, mag zwar innerhalb der i-Gemeinde nachvollziehbar ein, umständlich bleibt es trotzdem. Auch die Tatsache, dass die iTunes-Kopplung an einen einzigen PC gebunden ist, kann in Haushalten mit mehreren Desktops und Notebooks stören. Wäre der Hersteller etwas nachgiebiger und die Verzahnung der verschiedenen Dienste und Geräte bis in die Haarspitzen gleichmäßig, sodass sich wirklich alle Inhalte, für die der Nutzer bezahlt hat, auch auf allen Geräten abspielen ließen, wäre ein gutes Produkt noch besser geworden. Abzuwarten bleibt, was es mit den 3G-Problemen auf sich hat.

(Saskia Brintrup)

Kommentieren Community
Weitere Infos zum Thema
Zum Seitenanfang