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Vectoring: Der lange Weg zur Einführung von VDSL 100 in Deutschland

Viele Internetnutzer möchten schneller surfen, doch die Einführung neuer Technologien und die Aufrüstung der Netze brauchen in Deutschland Zeit. Auch dem im vergangenen Jahr erfolgten Start des VDSL-Turbos Vectoring gingen jahrelange Diskussionen und Planungen voraus.

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Diskutiert und kritisiert wurde im Vorfeld viel, im vergangenen Sommer erfolgte dann der Durchbruch. Der VDSL-Turbo Vectoring ging in ersten Ortsnetzen an den Start. Doch längst nicht allen Internetnutzern dürfte klar sein, was Vectoring überhaupt ist. Was steckt technisch dahinter? Für wen lohnt sich die neue Technologie, die Störungen im Kupferkabel minimiert und VDSL-Anschlüsse beschleunigt? Welche Vor- und Nachteile gibt es? Wer bietet Tarife auf Vectoring-Basis an und zu welchen Kosten? Im Rahmen einer Artikel-Serie wird unsere Redaktion diese und andere Gesichtspunkte in dieser Woche näher beleuchten.

Telekom setzt Fokus auf Vectoring statt Glasfaser

Ehe Vectoring überhaupt in Deutschland starten konnte, war es ein langer Weg. Hierzulande werden neue Ideen und technische Ansätze erst einmal grundsätzlich diskutiert, Vor- und Nachteile erwogen und auch die Warnung vor Gefahren darf nicht fehlen. Aufgrund der Beteiligung diverser Interessengruppen und Institutionen lässt sich eine neue Technologie wie Vectoring nicht innerhalb eines Jahres einführen. Mancher Internetnutzer erhofft sich sicherlich eine Beschleunigung seines Internetzugangs in einem kürzeren Zeitraum, doch hier ist meist Geduld gefragt.

Werfen wir einen Blick zurück und schauen uns den Weg bis zur Einführung von Vectoring an. Im Januar 2012 hatte die Deutsche Telekom eine VDSL-Kooperation mit dem regionalen Kölner Telekommunikationsanbieter NetCologne bekanntgegeben. Zugleich kündigte die Telekom an, dass sie VDSL mit Bandbreiten von bis zu 100 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) testen wolle. Die maximale Downloadgeschwindigkeit von VDSL lag zu diesem Zeitpunkt für Endkunden bei 50 Mbit/s. Mittels Vectoring sollte das Surftempo an bestehenden VDSL-Zugängen verdoppelt werden. Im September 2012 verkündete der damalige Telekom-Chef René Obermann, das der Bonner Konzern innerhalb von vier Jahren Highspeed für 24 Millionen Haushalte bereitstellen wolle. Vectoring sollte dabei eine große Rolle spielen.

Vor einem breiten Glasfaserausbau schreckte die Telekom 2012 zurück, da sie Glasfaser bis in jedes Haus für nicht finanzierbar hielt. Vorangetrieben werden sollte stattdessen der "Ausbau bis zu den Kabelverzweigern" (KVz), den grauen Kästen am Straßenrand. Von dort werden weiterhin die vorhandenen Kupferleitungen bis in die Wohnungen genutzt. Die neue Vectoring-Technologie, eine Erweiterung des VDSL2-Standards, soll mehr Geschwindigkeit bringen: Downloads sollen sich mit Bandbreiten von bis zu 100 Mbit/s, Uploads mit bis zu 40 Mbit/s durchführen lassen. Auch ländliche Regionen sollen von den hohen Bandbreiten profitieren - sofern dort bereits VDSL verfügbar ist.

Vectoring im Labortest - Telekom-Wettbewerber befürchten Re-Monopolisierung

Vor der Einführung von Vectoring standen zunächst aber erst einmal Tests von Vectoring im Labor und in der Praxis an, da die Provider bislang über keinerlei eigene Erfahrungswerte mit der neuen Technologie verfügten. Zudem war auch die Zustimmung der zuständigen Bundesnetzagentur erforderlich.

Die Wettbewerber der Telekom, die in Branchenverbänden wie VATM und BREKO organisiert sind, pochten auf ein Mitspracherecht. Sie fürchteten eine Re-Monopolisierung durch Vectoring. Die Telekom hatte erklärt, dass aufgrund der Technik und um Störungen zu vermeiden, jeweils nur ein Anbieter die Kontrolle über alle Leitungen eines Kabelverzweigers haben dürfte. Die Wettbewerber hätten dann meist das Nachsehen.

Dezember 2012: Telekom beantragt Vectoring-Einsatz

Ende 2012 wurde es dann offiziell: Die Telekom beantragte die Einführung von Vectoring. Den Wettbewerbern wollte der führende deutsche DSL-Anbieter Zugeständnisse machen und Bitstromzugänge anbieten. Nun lag der Ball bei der für die Regulierung der Telekom zuständigen Bundesnetzagentur in Bonn. Diese erklärte sich bereit, zügig zu entscheiden. Ein Entscheidungsentwurf lag dann im April 2013 vor. Die Netzagentur wollte den Einsatz von Vectoring nur in Gebieten erlauben, wo Dreiviertel der Gebäude über alternative Breitbandzugänge, also über Fernsehkabel oder Glasfaser verfügten. Die Telekom müsse außerdem im betroffenen Ortsnetz mehr VDSL-Zugänge als die Mitbewerber unterhalten und diesen außerdem eine Vectoring-Mitnutzung in Form eines Bitstromprodukts anbieten. Ansonsten dürfte den Wettbewerbern der Zugang zur Teilnehmeranschlussleitung am Kabelverzweiger nicht verweigert werden.

Das letzte Wort war da aber noch nicht gesprochen. Nach Konsultationen mit den Marktteilnehmern überarbeitete die Bundesnetzagentur ihren Entwurf und übermittelte im Juli eine überarbeitete Vectoring-Fassung an die EU zur Genehmigung durch Brüssel. Neu aufgenommen worden war unter anderem die Erstellung einer sogenannten Vectoring-Liste sowie Bestandsschutz für von Wettbewerbern erschlossene KVz. Das neue Vectoring-Register soll sowohl der Telekom als auch den Wettbewerbern Rechtssicherheit für den Einsatz von Vectoring geben. In der Liste sollen jeweils alle innerhalb eines Jahres beabsichtigten und dann auch tatsächlich erfolgten VDSL-Ausbaumaßnahmen bzw. der Einsatz von Vectoring erfasst werden. Der Haken aus Sicht der Wettbewerber: Die Vectoring-Liste soll von der Telekom verwaltet werden.

August 2013: Netzagentur gibt grünes Licht für Vectoring

Nachdem die EU keine Bedenken hatte, gab die Bundesnetzagentur im August 2013 endgültig grünes Licht für den Vectoring-Einsatz. Nach Ansicht der Bonner Regulierungsbehörde ist Vectoring aber ohnehin nur eine Brückentechnologie. Das bevorzugte Ziel sei der Aufbau von Glasfasernetzen.

Bis November 2013 machte die Telekom die ersten zehn Ortsnetze fit für Vectoring. Allerdings kündigte das Unternehmen an, dass Vectoring mit VDSL 100 erst in der zweiten Jahreshälfte 2014 bereitstehen werde. Schritt für Schritt wurden in den folgenden Monaten weitere Ortsnetze entsprechend technisch aufgerüstet. Ihr ehrgeiziges Ziel hat die Telekom weiter im Auge: Eine Verdoppelung der VDSL-Anschlüsse von zwölf auf 24 Millionen bis Ende 2016.

Im Februar des vergangenen Jahres legten Experten des Wissenschaftlichen Instituts für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK) eine Studie zu den Kosten für ein nahezu flächendeckendes VDSL-Vectoring-Netz vor, die mit maximal rund 17 Milliarden Euro beziffert wurden. Nach Abzug der schon vorhandenen VDSL-Infrastruktur seien noch rund 14 Milliarden Euro an Investitionen erforderlich. Zum Vergleich: Ein entsprechender Ausbau mit Glasfaser solle laut WIK rund 80 Milliarden Euro kosten. Während pro Kunde bei einem Glasfaseranschluss rund 2.400 Euro investiert werden müsste, würden die Kosten bei einem Anschluss auf Vectoring-Basis nur bei rund 550 Euro liegen, in Ballungsgebieten sogar bei lediglich rund 300 Euro.

Ende Juli 2014 erfolgte dann der Startschuss für die Vectoring-Liste und ein Run auf die Kabelverzweiger begann. Wer einen KVz als Erster reserviert, erhält den Zuschlag. Das Ausbauinteresse ist groß, auch bei den Wettbewerbern der Telekom. Der niedersächsische Telekommunikationsanbieter EWE TEL hatte zu dem Zeitpunkt bereits 3.000 KVz für den Vectoring-Ausbau angemeldet. Der Berliner Anbieter DNS:Net kündigte den Ausbau hunderter Kabelverzweiger in Berlin und Brandenburg an.

August 2014: Vectoring geht in ersten Netzen an den Start

Endlich erfolgte dann der Vectoring-Start auch in der Praxis: Die Telekom kündigte VDSL 100 für erste Orte an, Vectoring wurde im August 2014 in ersten Netzen freigeschaltet. Die doppelte VDSL-Bandbreite sollen Kunden für einen Aufpreis von 5 Euro monatlich nutzen können. Die Wettbewerber, die Vectoring zunächst auf Bitstrombasis nutzen, ließen nicht lange auf sich warten. Vodafone kündigte eigene Tarife mit VDSL 100 an, auch bei 1&1 gibt es seitdem VDSL 100. Onlinekosten.de hatte die Vectoring-Tarife der führenden Anbieter Anfang August in einem VDSL 100 Überblick zusammengestellt.

Die technische Entwicklung bleibt nach dem Vectoring-Start nicht stehen. Denn 100 Mbit/s soll nicht das Ende der Fahnenstange sein. Ende Dezember 2014 wurden Pläne der Telekom für Supervectoring mit bis zu 250 Mbit/s bekannt. Dieser nächste Schritt ist allerdings eher mittelfristig angesiedelt. "In zwei bis drei Jahren werden wir mit dem Ausbau beginnen", hatte Telekom-Deutschlandchef Niek Jan van Damme im vergangenen Monat erklärt.

Beachten Sie auch die weiteren Teile unserer Vectoring-Serie:
Teil 1: Der lange Weg zur Einführung von VDSL 100 in Deutschland
Teil 2: Die Technik hinter den schnellen VDSL2-Anschlüssen
Teil 3: Speedtests: Wie schnell ist mein Internet?
Teil 4: Tarife mit VDSL 100 im Überblick
Teil 5: Nur 93 Mbit/s an allen VDSL100-Anschlüssen - Bug oder Feature?
Teil 6: VDSL100: Telekom wird Fehlerkorrektur G.INP abschalten

(Jörg Schamberg)

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