Testbericht

Linux vs. Windows: Windows-Nutzer testet Ubuntu

We did it with Ubuntu: Wie fühlt sich ein Windows-Nutzer, wenn er auf Linux (Ubuntu) umsteigt? Ich habe den Test gemacht und bin dabei ein paar Mal gestolpert.

Laptop© Micha Bednarek / Fotolia.com
Windows, Linux oder Mac OS X? Wenn es um das Für und Wider von Betriebssystemen geht, sind hitzige Diskussionen unter den jeweiligen Nutzern garantiert. "I do it with ubuntu" lassen die Merchandising-T-Shirts der auf Debian basierenden Linux-Distribution plakativ verlauten. Und genau das habe auch ich mir gesagt und den Test gemacht. Wie ergeht es einem eingefleischten Windows-Nutzer, der sowohl Apfel als auch Pinguin nur aus dem Obstkorb beziehungsweise Zoo kennt, wenn er auf Linux umsteigt? Die Wahl fiel auf Ubuntu, da es als besonders benutzerfreundlich gilt. Als Versuchs-Hardware diente mein mittlerweile recht betagtes HP-Notebook. Der nette Nebeneffekt: Der Wechsel von Windows zu Linux kitzelte aus dem älteren Testkandidaten mit Single-Core-Prozessor und lediglich 512 Megabyte Arbeitsspeicher doch noch ein paar Leistungssreserven heraus – ganz nebenbei und gratis.

Inhalt:

1. Oberfläche von Ubuntu 9.04
2. Neuland für Windows-Nutzer
3. Tests: WLAN, Mediennutzung, Drucker-Einrichtung
4. Flash und Fazit

Von Windows zu Linux

Den ersten spürbaren Unterschied zwischen Linux und Windows bemerke ich schon bei der Beschaffung. Anstatt einen zwei- bis dreistelligen Betrag für einen physischen Datenträger auszugeben, gibt es Ubuntu (in unserem Test in der Version 9.04 alias Jaunty Jackalope) kostenlos im Internet als Download. Alternativ kann über www.ubuntu.com für umgerechnet knapp 20 Euro eine Ubuntu-CD gekauft oder eine kostenlose CD (Lieferzeit bis zu zehn Wochen) angefragt werden. Die Installation ging in einer knappen halben Stunde vonstatten, anschließend ertönte eine afrikanische Trommel als Startsignal - Ubuntu stammt aus dem Afrikanischen und bedeutet in etwa "Menschlichkeit".

Andere Anordnung, aber nicht zu fremd

Ubuntu ist deutlich schlanker als zum Beispiel Windows Vista und daher nicht durch Funktionen aufgebläht, die vielleicht nicht jeder Nutzer benötigt. Die Kehrseite der Medaille ist, dass nicht alle gängigen Programme und Treiber direkt verfügbar sind, doch dazu später mehr.

Zuerst wollen wir uns der Oberfläche widmen. Gemeinsamkeiten in der Aufmachung gibt es auf den ersten Blick zwischen Ubuntu und Windows kaum. Der Button zum Herunterfahren ist nach oben rechts gerutscht und die Auswahlmenüs, die den Nutzer zu den gespeicherten Dateien (Orte), seinen installierten Programmen (Anwendungen) und Einstellungen (System) bringen, haben sich oben links niedergelassen. Inhaltlich gibt es schon mehr Gemeinsamkeiten. Ubuntu unterscheidet genau wie Windows zwischen den Speicherorten Computer und eigenen Dateien, die hier persönlicher Ordner heißen.
Was für mich als Windows-User absolutes Neuland ist, ist die Aufteilung auf mehrere sogenannte Arbeitsflächen (= Desks). Zur besseren Übersicht kann sich der Nutzer verschiedene Desktops anlegen und dort bestimmte Programme öffnen. Auf diese Weise kann sich jeder einen Internet-Desktop, eine Kommunikations-Fläche oder einen gesonderten Desktop mit Office-Anwendungen basteln. Diese werden unten rechts in Form von zwei Rechtecken angezeigt. Zum Auswählen muss der Nutzer nur klicken oder Windows + E drücken – ein sehr schöner Effekt.

.exe und .zip? .deb und .tar!

Eine Stelle, an der Windows-Nutzer umdenken müssen, ist das Hinzufügen von Programmen. Natürlich besteht auch bei Linux die Möglichkeit, im Internet nach bestimmter Software zu suchen, die zu verschiedenen Betriebssystemen passt. Diese müssen dann aber selbst installiert werden, was nicht so einfach ist wie bei Windows. Anstatt einer .exe-Datei finde ich nur .deb (auf Debian basierend), was einem Installationspaket entspricht. Auch .rar- oder .zip-Dateien sucht man vergebens, das Bündel nennt sich stattdessen .tar, wird aber immerhin in bekannter Weise per Doppelklick entpackt. Verkompliziert wird die Installation durch die Tatsache, dass zum Teil die richtige Reihenfolge der einzelnen Dateien beachtet werden muss und Terminal-Befehle (siehe Seite 3) notwendig sind.

Ubuntus Software-Paket

Umgehen kann man dies wie folgt: Ubuntu liefert von Haus aus eine Auswahl von Freeware-Programmen, die per Klick installiert werden können oder bereits laufen. Hierzu gehören der Firefox-Browser (Bookmarks und dynamische Lesezeichen lassen sich importieren), Thunderbird als E-Mail-Client, Gimp zur Bildbearbeitung und OpenOffice. PDF-Dokumente kann Ubuntu "ab Werk" öffnen, bei Windows muss der Nutzer hingegen zunächst einen PDF-Reader installieren. ICQ bleibt Windows und Mac OS vorbehalten, der Instant Messenger kann aber alternativ über den Browser genutzt werden. Als Trillian-Ersatz liefert Ubuntu zum Beispiel Pidgin und Kopete für Text-Chats mit.

Genau wie Windows informiert auch Ubuntu automatisch über Updates. Das System sucht auf Wunsch täglich oder in größeren Zeitabständen nicht nur nach programminternen Aktualisierungen, sondern auch nach neuen Versionen anderer Software. Für welche Programme der kommerzielle Ubuntu-Sponsor Canonical Upgrades bereitstellt und für welche nicht, ist direkt über die Auswahl ersichtlich. Generell kann man sagen: Wer sich mit Linux anfreunden möchte, muss bereit sein, Zeit und Geduld mitzubringen. Im Test verweigerte das System zum Beispiel anfangs die WLAN-Verbindung – gerade bei einem Notebook sehr unpraktisch. Der Grund war ein fehlender Treiber für den WLAN-Chip. Bis ein Linux-Neuling auf des Rätsels Lösung stößt, kann jedoch einige Zeit vergehen.

Wer suchet, der findet

Technik- und Internetaffinität sind daher von Vorteil. Ubuntu bietet zwar eine recht umfangreiche integrierte Hilfefunktion, diese hat aber auch ihre Grenzen. Eine Suche im Internet nach dem WLAN-Chip des Notebooks zusammen mit dem Stichwort Ubuntu führte dann aber schließlich zum Ziel. Ein großer Unterschied zu Windows sind die Konsolen-Befehle. Wer noch nie etwas programmiert hat oder mit der Windows Eingabeaufforderung oder Ähnlichem zu tun hatte, wird sicherlich Berührungsängste haben, wenn die Hilfe locker vorschlägt sudo lshw -C network in das Terminal einzutippen. Auch die daraufhin erscheinenden Zeilen wirken nicht minder kryptisch. Zusammen mit der Hilfe lässt sich dies aber bewerkstelligen.

sudo - wer? Terminal - was?

Als weiteres Beispiel für einen kräftigen Geduldsfaden sei hier das Drucken über ein Windows-Netzwerk genannt, die Einrichtung eines lokalen Druckers ist aber nicht weniger schwierig. Beim Hinzufügen des Druckers spuckte die Suche zwar sofort das richtige Gerät aus, allerdings schloss sich der Dialog zwischendurch selbständig. Ein Bug? Nach dem Versuch, einen Teil des Netzwerk-Pfades per Hand einzutippen, funktionierte es schließlich. Das nächste Problem: der fehlende Treiber. Zwischen unzähligen Modellen im Angebot wollte sich mein Drucker leider nicht finden lassen. Die integrierte Suchfunktion – wieder etwas tricky – fand auch nichts. Erst die manuelle Suche direkt beim Hersteller des Druckers brachte mir den passenden Treiber.

Wird die Hardware unterstützt?

Nachdem alles installiert war, fehlte im Test immer noch eine bestimmte Datei. Ein Blick in die Datenbanken, die freundlicherweise in der Hilfefunktion verlinkt sind, ergab, dass mein Drucker-Modell nicht unterstützt wird – ein rot-durchgestrichener Pinguin erstickt wohl jede Hoffnung im Keim. Hier kann man Glück oder Pech haben: hunderte andere Modelle des Herstellers sind laut Liste kompatibel. Schlussendlich hat es aber doch noch geklappt, man muss nur wissen, wie. Ausgiebige Suchen im Internet gehören daher dazu.

MP3-Player, Digicam, DVDs - geht das?

Zusätzlich habe ich versucht, Bilder von meiner Digitalkamera zu übertragen. Dies funktionierte auf Anhieb, Hardware, die ohne Treiber lauffähig ist, mag wohl auch der Pinguin. Auch MP3-Player, die sich wie externe Datenträger verhalten, können angeschlossen werden. Im Test wollte Ubuntu aber keine Musik aus einem üppig befüllten Ordner auf meinem Player (mehr als 1.000 Dateien) spielen. Eine erneute Recherche in Ubuntu-Foren machte ein gesetztes Limit als möglichen Fehler aus. Trotz einigen Versuchen, dieses durch Terminal-Befehle und Datei-Änderungen zu umgehen, blieb der Fehler bestehen. Auf andere Ordner meines Players mit weniger Dateien konnte aber sofort zugegriffen werden. Das Betriebssystem integriert für die Musikwiedergabe die Rhythmbox, die gleichzeitig Internetradio-Streams wie last.fm abspielt. Ist der PC Teil eines Netzwerks, können auch die übrigen Rechner auf Wunsch auf die Musik zugreifen. Eine DVD ließ sich im Test mit dem Notebook-Laufwerk auf Anhieb wiedergeben. Probleme gab es bei Flash-Inhalten. Beim ersten Besuch einer Website mit Flash-Elementen schlug mir Ubuntu drei verschiedene Plug-Ins vor, die aber offenbar nicht alle funktionieren. Eins der Tools führte im Test dazu, dass der Firefox anstelle der Flash-Inhalte nur Weißraum anzeigte. Eine anschließende Installation des Adobe Plug-Ins behob den Fehler ebenfalls nicht. Wie sich dann herausstellte, wurde dies durch das erste Plug-In überlagert und daher abgestellt. Nachdem ich Nummer 1 deinstalliert hatte, war das Problem gelöst.

Fazit: Ubuntu - man liebt oder hasst es

Nach den ersten Geh-Versuchen gewöhnt man sich schnell an die im Vergleich zu Windows andere Struktur. Einige Aktionen sind zwar anders benannt (zum Beispiel Datenträger aushängen anstatt Hardware sicher entfernen) und an anderer Stelle zu finden, die Anordnung ist aber logisch. Vorteile der Linux-Distribution sind die geringere Gefahr, sich Viren, Trojaner oder andere Schädlinge einzuhandeln, und der geringere Ressourcen-Hunger.

Das Test-Notebook lief mit Ubuntu deutlich schneller als mit Windows XP oder dem Windows 7 Release Candidate. Es startete flotter und zeigte sich auch beim sonstigen Handling weniger behäbig. Auf diese Weise kann man kostenlos und schnell die alte Hardware etwas auffrischen.

Nun kommt das "aber". Die meisten Spiele und Software wie Adobe Photoshop müssen Windows-Fans unter Linux mehr oder weniger vergessen. Dies gilt auch für zusätzliche Funktionen externer Hardware, wie zum Beispiel die Synchronisation mit dem Handy, wenn die Software nicht kompatibel ist. Die Handhabung von Ubuntu erweist sich außerdem für Windows-Orientierte zum Teil umständlicher und gerade für Nutzer ohne technische Kenntnisse weniger zugänglich. Das betrifft insbesondere die Terminal-Befehle und das Anschließen von Hardware (Installieren neuer Treiber). Dinge, die bei Windows direkt funktionieren, benötigen bei Linux mehr Zeit und Wissen. Wer nicht bereit ist, sich ein wenig einzuarbeiten und keinen Spaß daran hat, Probleme selbst zu lösen, wird Ubuntu wohl den Rücken zukehren.

Hat man aber alles zur Zufriedenheit eingerichtet, kann man sich durchaus mit dem Pinguin anfreunden. Auf meinem alten Notebook wird es Windows aufgrund der besseren Performance weiterhin ersetzen. Was sich aber nach mehrmaliger Neu-Installation des Betriebssystems bewahrheitete: Never change a running system. Insgesamt weist Ubuntu nämlich durchaus ein paar "Kinderkrankheiten" beziehungsweise Inkonsistenzen auf.

Tipp: Ubuntu zunächst ausprobieren

Wer nicht gleich Windows ersetzen möchte, kann Ubuntu auch auf einer anderen Partition installieren oder Ubuntu direkt unter Windows über eine Virtuelle Maschine installieren und somit komplett risikofrei testen. Eine entsprechende Schritt-für-Schritt-Anleitung hat unsere Redaktion bereits zusammengestellt.

(Saskia Brintrup und Marcel Petritz)

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