Ratgeber

Ausprobiert: Windows 8 im Selbstversuch

Es startet in fünf Sekunden. Sieht gut aus. Macht Spaß. Wir haben es gewagt das neue Windows auf einem Laptop zu installieren. Und siehe da: aus Zweifeln wurde Freundschaft. Ein Selbstversuch.

Arbeitsplatz© Brad / Fotolia.com

Mit Windows 7 ist es Microsoft gelungen, weitgehend alle Krankheiten von Windows Vista zu beheben. Das Betriebssystem machte vieles anders, und besser. Nun steht Windows 8 vor der Tür und hat es auf Grund der Qualität des Vorgängers schwer für breites Interesse zu sorgen. Wir haben den Selbstversuch gewagt und das neue Windows in der finalen Version von Ende August auf einem Notebook installiert. Vorweg: die Eingewöhnung war holprig. Doch dann wusste Windows 8 zu überraschen. Es folgt ein subjektiver Erfahrungsbericht.

Windows 8 im Selbstversuch

Windows 7 ist ein solides Betriebssystem. Es startet relativ zügig, ist stabil und verzeiht so manchen Treiber- oder Installations-Fehltritt. Es ist robust, schnell, oftmals kompatibel mit alter Hard- und Software. Kurz gesagt: es funktioniert. Und das sowohl in 32 als auch in 64 Bit. Wozu also ein neues Windows? Für Microsoft ist die Antwort klar: Fortschritt ist unaufhaltsam. Und auch ein gutes Produkt wie Windows 7 hat Anspruch auf Evolution. Doch will Microsoft mit Windows 8 vieles neu, anders machen. Keine Startleiste mehr, tiefe Cloud-Implementierung und interaktive Kachel-Apps im Stil von Windows Phone 7. Das klingt zwar eher nach Revolution als nach Evolution - ist es aber nicht. Wenn man zwei mal hinschaut.

Doch nicht zu viel vorweg. Zunächst ein paar Worte zum Testsystem: Windows 8 wurde auf einem HP Pavilion G6-Notebook installiert. Die Hardware des Systems ist nicht topaktuell, aber auch keineswegs schwachbrüstig. Als Prozessor ist ein Core i5-2410M "Sandy Bridge" mit zwei Kernen verbaut. Der Arbeitsspeicher ist 4 Gigabyte groß, die Festplatte bietet 320 Gigabyte mit 5.400 Umdrehungen pro Minute. Neben der in die CPU integrierten Intel-HD-Grafik ist ein dedizierter Grafikchip von AMD mit an Bord, der Radeon HD 6470M.

Unkomplizierte Installation

So viel zu den Hardware-Eckdaten. Zeit, Windows 8 aufzuspielen. Die Installation über DVD läuft ähnlich unkompliziert ab, wie beim Vorgänger. Auch hat sich bei der Oberfläche nicht viel geändert. Lediglich Design und Farben wurden marginal angepasst, sodass es hier keine Überraschungen gibt. Partition gelöscht, neu angelegt, ausgewählt - dann heißt es abwarten bis das neue System einsatzbereit ist. Im letzten Schritt, bei dem das System für die finale Nutzung eingerichtet wird, erhält der Nutzer eine kleine Einführung in die neu gestaltete Menüführung. Diese ist bitter nötig, da Windows 8 dahingehend nicht viel mit älteren Windows-Versionen gemein hat. Optionen einblenden im rechten oberen Eck, Startbildschirm öffnen unten links, geöffnete Fenster anzeigen oben links. Ungewohnt. Dann geht es los: der Anmeldebildschirm erscheint.

Hier zeigt sich die erste große Neuerung. Windows 8 fordert dazu auf, sich mit einem Live-Konto einzuloggen - ähnlich einer Domänen-Anmeldung. Der Grund hierfür ist die Cloud-Synchronisation von Mails, Messenger und weiteren Einstellungen sowie der nativ integrierte Onlinespeicher SkyDrive. Es besteht optional auch die Möglichkeit, sich lokal einzuloggen. Allerdings muss dann auf die Live-Funktionen verzichtet werden.

Hey, Metro!

Nach dem Live-Login zeigt sich nicht der gewohnte Desktop, sondern die ominöse Metro-Oberfläche, die auf Grund von rechtlichen Unstimmigkeiten nun auf den Namen "Windows-8-UI" hört. Damit fängt die große Veränderung in Windows 8 an. Kleine Kacheln blinken dem Nutzer entgegen, darunter solche für Windows Mail, Messenger, Kontakte oder das Wetter. Es handelt sich dabei um Verknüpfungen zu Apps und Programmen, die optional Informationen anzeigen können. Interaktive Verknüpfungen also. So zeigt beispielsweise die Wetter-Kachel die aktuelle Temperatur am eigenen Wohnort sowie Regen oder Sonnenschein an, ohne dass ein Klick oder Öffnen eines Programmes nötig ist.

Diese Live-Kacheln werden besonders dann interessant und praktisch, wenn es um News-Apps, E-Mail oder soziale Netzwerke geht - bei Anwendungen, die mit vielen Informationen jonglieren oder deren Daten sich oft verändern. Wir versuchen uns an der Einrichtung des eingebauten E-Mail-Klienten "Windows Mail".

Es ist sehr einfach in Windows Mail ein Google-Mail-Konto zu integrieren. Nach Eingabe der Nutzerdaten erfolgt die Server-Konfiguration wie von selbst und prompt werden Kontakte, Mails und der Kalender mit dem Google-Konto synchronisiert. Fortan erreichen Windows Mail alle E-Mails vom Google-Konto per Push-Benachrichtigung. Der Nutzer bekommt eine Info auf der Kachel von Windows 8 und auf dem Desktop, sofern er dort gerade zu Gange ist. Auch werden Änderungen in den Kontakten ebenso mit den Google-Servern abgeglichen wie neue Kalender-Einträge. So findet ein Äquivalent zum Exchange-Server kostenfrei seinen Weg auf private Computer. Das ist Fortschritt.

Sexy Apps

Die Konten-Integrierung in Windows 8 funktioniert tadellos. Und man mag es kaum glauben, aber die App-Oberflächen sehen tatsächlich richtig modern und zeitgemäß aus - schon fast "sexy". So macht es richtig Spaß, Mails über Windows Mail zu versenden oder die aktuelle Nachrichtenlage verschiedenster Quellen im integrierten Newsreader mit XXL-Bildern zu verfolgen. In keiner früheren Windows-Version sahen kleine Zusatzprogramme so gut aus. Nie machten die Animationen mehr Freude. Schön, für alle, die solcherlei Spielereien begrüßen. Überfordernd und unnötig allerdings für jene, die auf solche Dinge keinen Wert legen. Am Ende eine individuelle Entscheidung.

Wer sich fragt, wo nun der gute, alte Desktop geblieben ist: auch dieser ist über eine solche Kachel erreichbar. Klickt man diese an, landet man auf dem altbekannten Desktop. Hier hat sich kaum etwas getan. Papierkorb, Startleiste, Explorer - fast wie in Windows 7. Allerdings sucht man die Startleiste am linken unteren Bildrand vergeblich. Wie soll das funktionieren?

Das Verschwinden der Startleiste mag auf den ersten Blick radikal und revolutionär wirken. Ist es aber nicht. Schlicht handelt es sich um eine konzeptionelle Anpassung, die mit dem neuen App-Startbildschirm einhergeht. Zu diesem gelangt man nämlich, indem man mit der Maus an die alte Stelle der Startleiste fährt. Dann erscheint eine Mini-Vorschau der App-Zentrale, ähnlich eines Tabs im Browser. Klickt man diese an landet man genau dort. Und genau hier setzt das neue Konzept an: Microsoft will den Kunden zur Nutzung der Mini-Applikationen anregen. Die Vorteile liegen auf der Hand: mehr Informationen auf einen Blick, statt umständlichem Starten aller Programme über die alte Startleiste.

Startleiste adé

Es dauert einige Zeit der Eingewöhnung, bis dieses Konzept einleuchtet. Immerhin ist man es seit mehreren Windows-Generationen gewohnt, die Startleiste als zentrale Programmverwaltung anzusehen. Neben den interaktiven Kacheln ist es auch möglich, statische Links zu Programmen anzulegen. Um alle Programme, ähnlich der alten Startleiste, einsehen zu können, ist ein Rechtsklick nötig - daraufhin wird rechts unten die Option "Alle Apps" angezeigt. Klickt man diese, erhält man eine Übersicht aller installierten Programme und Windows-Tools, ähnlich der alten Startleiste. Mit einem Rechtsklick auf eine App nach Wahl, kann man auswählen, dass diese auf den Startbildschirm oder in die Desktop-Taskleiste wandert. So ist ein Zugriff schneller möglich.

Weiterhin lassen sich natürlich auch Verknüpfungen zu Dateien und Programmen in der Taskleiste und auf dem Desktop ablegen. Windows 8 gibt dem Benutzer somit viele Freiheiten in die Hand, über welchen Weg ein Programm gestartet wird. Nur eben über teils unbekannte, neue Wege. Nicht mehr über die altbekannte Desktop-Startleiste, sondern einen individuell anpassbaren Start-Bildschirm.

Integrierung von sozialen Netzwerken

Mit Windows 8 hält erstmals eine tiefe Integration von sozialen Netzwerken Einzug in ein Microsoft-Betriebssystem. So kann man in der Konten-Konfiguration auch ein Facebook-Profil verbinden. Anschließend werden die Kontakte um die Facebook-Freunde ergänzt, samt Profilbild. Auch ist es möglich aktuelle Ereignisse der Chroniken direkt in der Kontakte-App von Windows 8 einzusehen, ohne sich über den Browser bei Facebook einzuloggen. Und dem nicht genug: der Messenger verbindet sich automatisch mit dem Facebook-Chat. Dies erweitert die eigenen Kreise beim Login am eigenen Windows-Rechner enorm. Wer bei eingeschaltetem PC nicht immer bei Facebook online sein möchte, der kann den Chat auch deaktivieren und ist dann unsichtbar. Sinn oder Unsinn? Wieder eine individuelle Frage. Allerdings sicher eher ein Zugewinn für diejenigen, die mit der Facebook-Welt eng verzahnt sind. Alle anderen sparen sich die Verbindung von Windows und Facebook einfach.

SkyDrive, der Cloud-Dienst von Microsoft, ist direkt in Windows 8 eingebaut. Office-Dokumente lassen sich beispielsweise ohne Umwege in die Cloud laden, ebenso für andere Benutzer freigeben oder öffnen und bearbeiten. Ebenso ist es möglich, seine SkyDrive-Dateien über eine App innerhalb des Startbildschirms einzusehen. Allerdings werden diese Dateien nicht automatisch mit dem SkyDrive-Ordner auf dem Rechner abgeglichen, sondern lediglich als Vorschau auf dem Microsoft-Server angezeigt. Dies spart Kapazitäten, kann allerdings auch nerven, sofern keine schnelle Internetverbindung besteht.

Halbherzige Wolke

Seltsam ist, dass innerhalb des Explorers kein SkyDrive-Ordner zu finden ist. Scheinbar muss diese Option weiterhin nachinstalliert, oder der SkyDrive-Ordner als Netzlaufwerk manuell hinzugefügt werden. Gleiches gilt für "Windows Live Mesh", den automatischen Datei-Abgleich-Service innerhalb der Microsoft Cloud, der getrennt von SkyDrive arbeitet. Dieser kann weiterhin nur manuell über die Windows Live Essentials hinzugefügt werden. Eine etwas hakelige Cloud-Integrierung also. Bleibt zu hoffen, dass Microsoft hier noch ein wenig nachbessert.

Zur Leistung von Windows 8 kann man auf Grund inkompatibler Treiber noch wenig sagen. Insbesondere Grafik- und Chipsatztreiber müssen noch für das neue Windows optimiert werden, bevor hier Vergleiche und Benchmarks mit dem Vorgänger Sinn machen. Auf unserem Testsystem konnten alle Komponenten ohne manuelles Nachhelfen arbeiten - bis auf die dedizierte Grafik, den Radeon HD 6470M. Der installierte Standardtreiber von Microsoft erlaubt keine umschaltbare Grafik und hat augenscheinlich Probleme mit den Energiespar-Modi. Entsprechend sank die Akkulaufzeit des Testsystems um knapp eine Stunde. Doch dies sollte, so bleibt zu hoffen, nur temporärer Natur sein.

Besonders imponiert hat uns die Zeit, die Windows 8 nach Einschalten des Notebooks nach dem BIOS-Screen benötigt, bis der Anmeldebildschirm erscheint und das System einsatzbereit ist: nur fünf (!) Sekunden und es kann losgehen! Das ist Windows-Rekord. Und eines der absoluten Pro-Argumente für Windows 8. Selbst ein Windows 7-System auf SSD benötigt sehr viel mehr Zeit. Hierzu kann man den Entwicklern nur gratulieren.

Fazit:

Der erste Eindruck ist positiv. Windows 8 ist hübsch, schnell und funktioniert. Natürlich muss man abwarten, wie es sich mit finalen und optimierten Treibern und Software schlagen wird. Allerdings konnte hier bisher jede Windows-Version in der Zeit nach Veröffentlichung eher erblühen als erblassen. Das Hauptproblem von Windows 8 wird sein, die richtige Zielgruppe zu finden. Der Computer-Nerd bleibt bei Windows 7, findet den Mehrnutzen nicht, vermisst seine Ausführen-Zeile. Der Verwaltungsangestellte verzweifelt an den bunten Farben und will doch eigentlich nur seinen Desktop und die Office-Verknüpfungen zurück. Und den Facebook-Nutzern ist es schlicht egal, ob das Netzwerk über eine Windows-App oder den Browser zur Verfügung steht.

Es wird die Zeit sein, die Windows 8 zum Erfolg macht - oder eben nicht. Mit sinnvollen Apps kann der Startbildschirm eine mächtige Infobox werden. Und die Integrierung von weiteren Diensten als Facebook, Windows Live und Google lässt Windows zur persönlichen Schaltzentrale verschiedenster Quellen heranwachsen. Hinzu kommen die Synergien, die durch die enge Verzahnung von Desktop- und Mobilsystem (Windows Phone 8) entstehen. Viele werden das Kachel-Konzept kennenlernen, damit vertraut und so womöglich eher den Sinn darin sehen, es auch in der Hosentasche auf dem Smartphone mit sich zu führen.

Allerdings wird es an Microsoft sein, den Kunden eben genau diese Mehrwerte zu verkaufen. Sollte dem Software-Giganten dies durch eine intelligente Marketing-Kampagne gelingen, so hat die Windows-8-Familie eine große Chance insbesondere im Smartphone-Markt an Boden zu gewinnen.

(Michael Müller)

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